Geschichten aus der Matratzengruft: November

von Heinrich Heine

Er ist wieder da und hat einiges mit- und auszuteilen. Die Kolumne von Düsseldorfs berühmtestem Stadtsohn.

„Die Idee mit dem Blog ist gut. Aber wenn ihr glaubt, zwei Kanäle mit 3 Leuten bespielen zu können, braucht ihr euch keine falschen Hoffnungen bezüglich der Qualität der Zeitung zu machen (die ja nach Auffassung einiger Kritiker dringend gesteigert werden müsse). Drei Leute, die nebenbei studieren, können nicht im Alleingang investigativ recherchieren, wenn sie regelmäßig ein Magazin und einen Blog bespielen müssen (…). Denkt daran, wenn ihr in zwei Monaten wieder die Redaktion vor die Tür setzen wollt, weil sie nicht euren Erwartungen entspricht.“

Eigentlich müsste mir dieser Eintrag ins Gesichtsbuch auf der Seite der AStA doch aus der Seele sprechen. Schließlich kann ich als Namenspatron des hiesigen Bildungsinstituts nicht zulassen, wie eine Zeitung auf dem geistigen Niveau eines schmandigen Hintertreppenromans die Gedanken der jungen Pennäler mit ihrem abgefeitem Dung vergiftet. Das ganze Gehalt dieses Konvoluts stinkt in der Tat stärker zum Himmel als die Uniform eines französischen Infanteristen nach dem Siebenjährigem Krieg. Und ich ertappe mich zum eigenen Schrecken bei dem Gedanken, dass man für ein solches Machwerk wie dem Campus Delicti vielleicht doch mal wieder eine gute und ordentliche Vorzensur einführen könnte. Aber natürlich ist dies nicht mit den Werten der Freiheit in Einklang zu bringen und ich erinnere mich noch selbst, wie mein Verleger Julius Campe für meine Publikationen bei einer Hausdurchsuchung von der preußischen Staatspolizei so wund und weich geprügelt wurde, dass von seinem Gesicht nur noch die Ohren übrig geblieben waren. Daher wäre jede Form der Zensur ein Verbrechen und wir werden zum Wohle der Freiheit leider jene Hetzpresse wie die CD-Redaktion weiterhin erdulden müssen. Aber es wäre ebenso ein Verbrechen, wenn ich länger harre. Denn wenn man dieses Groschenheft schon nicht absetzen kann, so muss man doch wenigstens bestrebt sein, das Niveau zu heben. Und mein Beitrag soll der Anfang sein, denn wo immer eine Feder angesetzt werden sollte, lodert in weiter Entfernung eine Revolution.

Als ich damals selbst noch Student in Bonn war – eine Epoche, wo Zahnarzt und Hufschmied noch ein und dieselbe Adresse war – konnte man noch froh sein, wenn man als Unterkunft einen alten Lederstiefel oder eine zerbeulte Tabakdose zugewiesen bekam. Ich selbst hatte freilich den Luxus genossen, im ausgehöhlten Magen eines Hundekadavers zu hausen. Drum zürnt es mich zu hören, wie unsere jüngste Generation philisterhaft jene Werte und Güter – materielle wie geistige –, für die Menschen wie ich einst stehen und fallen mussten, als selbstverständlich annehmen. Der größte Triumph in ihrem Leben scheint nur darin zu bestehen, etwas für sich selbst zu schaffen. Schaffen und Anschaffen für sich selbst in der vordersten Schusslinie der Schnittbrötchenfront. Aber immer wieder mit der lamentierenden Regelmäßigkeit eines Uhrwerks über zu teure Zugpreise jammern. Wer konnte sich während meiner Gesellenjahre schon eine Kutsche leisten? Wir mussten damals überallhin laufen. Habt ihr vor Erfindung der Kraftdroschke deswegen schon mal einen fetten Dichter gesehen? Freilich mag das Schicksal der sozial schwächer Gestellten durch den Schmutz der Worte und Taten jener byzantinischen Pfaffen zusätzlich erschwert werden, aber nie wurden Veränderungen der Zeit herbei gerufen, indem man ausschließlich mit Gift und Galle sprach. Als Symbol dafür ziehe ich eben jenes Druckerzeugnis heran, welches gerade vor Euch liegt, meine treue Leserschaft: Campus Delicti. Es steht symbolträchtig dafür, dass es leichter fällt, etwas zu zerstören statt etwas aufzubauen. Daher ist es stets der Weg der leichtsinnigen Tore, mit gewaltiger und gewalttätiger Kraft die Finsternis zu verdammen statt für den Anfang wenigstens selbst eine kleine Kerze anzuzünden. Sicher, man darf eine Guillotine sein und seine Meinung – auch wenn sie negativ ausfallen mag – äußern, aber man sollte sich hüten, sich in eine Dampfguillotine zu verwandeln. Jene sind Menschen des Steißes, nicht des Geistes…oder so ähnlich. Wenigstens reimt sich der Vergleich. Wandel kann folglich stets nur durch Handel entstehen. Aber oft vernimmt man von Einfältigen die Botschaft: „Uns fragt ja sowieso keiner!“ Aber ich frage, wer von jenen Schwarzmalern hat sich an der letzten SP-Wahl beteiligt? Den Ergebnissen nach nicht allzu viele, aber dort ist man befragt worden. Demokratische Wahlen waren zu meiner Zeit so selbstverständlich wie ein Hund, der seinen eigenen Kopf essen kann. Was wurde mir über die 200 Jahre doch alles zugeschrieben? Früher nannte man mich Itzig, verbrannte meine Bücher und weigerte sich, auch nur eine Straße nach mir zu benennen. Heute ragen Monumente meiner selbst wie steinerne Bäume der absoluten Erkenntnis auf, zu denen ihr, meine treue Leserschaft, aber nur skeptisch aufschaut wie zur Obrigkeit. Und Recht tuet ihr damit. Denn keiner der historisch großen Männer dünkt sich zum Apostel berufen. Und beiweilen mag ich zu wissen, warum die mir zugedachten Denkmäler aus Stein und Granit gehauen sein müssen: Man will nicht sehen, wie ich deprimiert und enttäuscht mit dem Kopf schüttele.

Daher melde ich mich ins Diesseits zurück und ich will mir die Frage stellen, was die Pennäler heute umhertreibt. Da fiel mir als Erstes das sogenannte Hochschulzukunftsgesetz in die Hände. Wahrlich kein Meisterwerk, aber immerhin obgleich Stückwerk. Hat sich einer der Nörgler die Mühe gemacht den 140-seitigen Gesetzestext überhaupt zu überfliegen? Viele glauben, das einzige Problem der deutschen Hochschulen sei der große Andrang neuer Studenten, aber dank eures sexuellen Überdrusses eurer neuen Form von Keuschheit wird eines Tages das Gegenteil eintreten. Dann werden unsere Einrichtungen völlig überfunktioniert sein und genauso brach daliegen wie mein Traum, dem Grafen von Platen einmal genüsslich in die Lenden zu treten. Nun wäre es aber unlaut zu verschweigen, dass ich selbst nie Kinder hatte. Das ist auch eine Geschichte, die für sich stehen kann und ich denke dabei an meine geliebte Mathilde. Alle Sorgen konnte sie mir hinfort lächeln und ich erwische mich, wie mein Prügel plötzlich auf Habachtstellung geht – stramm und steif…wie der Herzog von Braunschweig.

Aber ich schweife ab. Ich für meinen Teil habe beschlossen nicht länger zu harren und werde als Chronist das 21.Jahrhundert erwandern. Sofern die Redaktion der Campus Delicti dann noch nicht niedergebrannt ist, werde ich auch in der nächsten Ausgabe einen Bericht schreiben. Vergesst Artikel wie Enzo oder Die Stimme des Wutbürgers, nur für meine Geschichten aus der Matratzengruft lohnt sich der Erwerb dieses Magazins. Und mein erstes Ziel soll mein Geburtshaus in der Bolkerstraße sein. Ich bin gespannt, wie es dort nun aussieht, denn früher war es eine Gasse der Säufer und Trinker. Aber ich bin mir sicher, dass die Straße aufgrund meiner Herkunft mittlerweile zu einer Ruhmesallee der deutschen Dichtung umgestaltet worden ist. Wir lesen uns in der nächsten Ausgabe. Adé.

Euer Harry