Komet „Hochschulgesetz“ ist an der Heinrich-Heine-Universität eingeschlagen

… und hinterlässt tiefe Krater an der Philosophischen Fakultät

Von Malika Fachrou

Selten war die Sprengkraft eines Gesetzes so gravierend wie bei dem am 01.10.2014 in Kraft getretenen neuen Hochschulzukunftsgesetz, das nicht länger erlaubt, Studierenden eine Anwesenheitspflicht aufzuerlegen. Was des Einen Glück ist des Anderen Leid: himmelhochjauchzende Studierende und tieftraurige Lehrkörper.

Vor allem an der philosophischen Fakultät ist in Seminaren die Anwesenheit essentiell für den Lehrprozess. Ein Institut mit jahrelanger Tradition wird von heute auf morgen fundamental in seiner Struktur umgekrempelt. Dozenten der philosophischen Fakultät sind alles andere als begeistert. Ein Dozent, der gerne anonym bleiben möchte, ist der Ansicht, dass die Intention des Landes NRW, Studierende von ihrer Autonomie des Lernens zu befreien, nicht ganz im Sinne der Studierenden sei. Eher sei hier ein „kostensparender Faktor“ ausschlaggebend für das neue Hochschulzukunftsgesetz. Ganz aus der Luft gegriffen scheint diese These nicht zu sein. Vor dem in Krafttreten des Gesetzes waren beispielsweise ganz andere Zahlen für die Anzahl der Studierenden in den Seminaren vorgegeben als danach. Natürlich ist man davon ausgegangen, diese Zahl ein wenig aufzustocken, da man die Studierendenkultur kennt und weiß, dass ein Großteil der Studentinnen und Studenten von dem neuen Gesetz Gebrauch machen wird. Durch die Veränderung der Hochschulberechtigung (wie z.B. die Abschaffung der Studiengebühren) und durch den vergangenen Doppeljahrgang ist die Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber in den Hochschulen gestiegen. Nach Meinung des Dozenten versucht das Land NRW, der durch das neue Hochschulgesetz nicht mehr geltenden Anwesenheitspflicht so entgegen zu wirken – und das ohne großen Kostenaufwand. Denn nun ist Platz für mehr Studierende ohne das Einstellen von teuren Lehrkörpern möglich.
Doch auch bei den Studierenden der philosophischen Fakultät hat das neue Hochschulzukunftsgesetz auseinandergehende Meinungen erzeugt. Ein Teil der Studierendenschaft fühlt sich in ihrem Lernprozess freier, da sie nun selbstständiger in ihrer Studienaufteilung sind. Doch dem Jubel können sich nicht alle anschließen. Bei einigen Stimmen kommt bei der Erwähnung des neuen Hochschulgesetzes lautes Stöhnen auf – auch von Seiten der Studierenden.
Seit der Einführung des neuen Gesetzes sind Dozenten in den Seminaren verpflichtet, anderweitig den Wissensstand der Studierenden abzufragen. So greifen viele Lehrkörper zu zeitaufwändigen Thesenpapieren. Unsere Studierenden sind alles andere als begeistert. So heißt es: „Dieser Aufwand von Thesenpapieren ist viel arbeitslastiger als die althergebrachte Anwesenheitspflicht. Da würde ich es bevorzugen, wieder normal am Seminar teilzunehmen, anstatt stundenlang zu Hause über tausend Essays zu brüten.“

Sprengkraft des neuen Hochschulzukunftsgesetzes

Was an der philosophischen Fakultät für großen Trubel sorgt, ist bei den Naturwissenschaftlern nicht mal bis dato durchgesickert. Die Fachschaft der Mathematiker erklärte: „Wir haben gestern ganz zufällig von dem Gesetz erfahren.“ Was bei den Geisteswissenschaftlern die Nummer Eins im Klatschgespräch ist, ist bei den Naturwissenschaftlern die Werbung, bei der man schnell wegschaltet. Zur Verteidigung der Mathematiker: das Gesetz bewirkt keinen fundamentalen Unterschied im Vorgang des Lehrprozesses. Seit jeher gibt es, außer in zwei Seminaren, keinerlei Anwesenheitspflicht. „Wir geben unsere Blätter einmal die Woche ab und das war’s.“

Statement vom Institutsleiter Prof. Dr. Baurmann

„Dieses Gesetz ist ein Unding“, so der Institutsleiter bei der Erwähnung des neuen Hochschulzukunftsgesetzes. „Wir waren glücklich, endlich den alten Magister los zu sein, in dem die Abbrecherquote bei 70-80% lag, und jetzt beschert uns das neue Hochschulgesetz eine Renaissance der Magister-Lehrkultur.“ Vor allem der integrative Bachelor-Studiengang Sozialwissenschaften bestehend aus Medienwissenschaften, Politikwissenschaften und Soziologie hat hervorragende Noten und ist in allen Rankings weit oben. Vor zwei Jahren waren Gutachter zugegen, die diesen mit Bestnoten bewerteten. „Das alles war umsonst. Ohne sich einmal persönlichen Einblick zu verschaffen, haben Politiker unsere komplette Lehrstruktur zerstört.“ Abgesehen von der fundamentalen Veränderung des Instituts prophezeit Prof. Baurmann die Verwesung der Diskurskultur. „Das Wissen, das an einem geistes- gesellschaftwissenschaftlichen Lehrstuhl vermittelt wird, findet sich nicht nur in niedergeschriebenen Büchern wieder und ist keine Lehre, die aus Reproduktionsaufgaben besteht. Vielmehr wird im Plenum über Theorien diskutiert und diese werden dann auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse angewendet. Der Lehrprozess erfolgt verbal und ohne anwesende Studenten – wem soll dieses Wissen dann vermittelt werden?“
Auch die Begründung seitens des Ministeriums, der Student sei in seiner Autonomie eingeschränkt, tut Prof. Baurmann ab. „In welcher Form seien unsere Studenten eingeschränkt? Nach dem Grundstudium haben sie eine Wahlmöglichkeit von bis zu 70 Kursen und jeder kann nach Belieben das wählen, was ihm liegt.“ Noch wichtiger, als die Tendenz zur Entwicklung eines Studiums ohne jegliche Verpflichtungen, erachtet Prof. Baurmann das Abhandenkommen der sozialen Komponente des Studiums. In der Universität trifft der Studierende auf Andere aus den verschiedensten gesellschaftlichen Nischen und mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. So ist der Aufenthalt an der Universität nicht nur ein Lernprozess, sondern auch eine Bereicherung für seinen Horizont. Ein Student, der nicht anwesend an der Universität ist, könne weder zu seinen Mitstudenten noch zu den Lehrkörpern eine Beziehung aufbauen. Und der Appell an die Moral, der Studierende könnte es sich selbst aussuchen, ob er die Lehrveranstaltungen besucht oder nicht, sei totaler Humbug. „Der Mensch ist schwach und ohne Verbindlichkeiten ist ambitioniertes Verhalten für keinen von uns ein Anreiz.“ Auch die Meinung seitens des Ministeriums, den Studierenden durch den neuen Hochschulerlass das Leben zu erleichtern, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, arbeiten zu gehen, ist nach Prof. Baurmann eher kontraproduktiv. „Der Job unserer Studenten ist es, in die Universität zu kommen.“ Es könne nicht angehen, dass jene, die es von zu Hause durch wohlhabende Eltern leicht haben, das Privileg genießen können, in die Universität zu gehen und mit Bestnoten abzuschneiden. Andere, die sozialbenachteiligt sind, dürfen dann 20 Stunden die Woche arbeiten und sich kurz vor den Prüfungen in Hast und Eile versuchen, soviel Stoff wie möglich aus den Lehrbüchern zu entnehmen, um die Prüfung halbwegs zu bestehen.
Dies sei nicht die Intention eines Studiums.
Auch die Aussage, dass eine Anwesenheitspflicht schon zur „Freiheitsberaubung“ zähle, findet Prof. Baurmann einfach haltlos: „Solch eine Aussage ist schlichtweg skandalös und ignorant.“ Prof. Baurmann erläutert noch im Anschluss, dass durch den Erlass des neuen Hochschulzukunftsgesetzes, die Lehre für Studenten erheblich erschwert werde. Man dürfe die Anwesenheit nicht mehr überprüfen, so können auch Beteiligungsnachweise nicht mehr ausgestellt werden – dies heißt: die Prüfungen werden in Zukunft viel schwieriger.

Fazit:
Wie alles in dieser Welt findet das Hochschulzukunftsgesetz sowohl Gegner als auch breite Unterstützung. Doch wer auch immer dagegen stimmen mag, letztendlich sollten dies jene entscheiden, um die es hierbei geht: nämlich die Studierenden. Abgesehen von der erschwerten Lehre seit Erlass des neuen Hochschulgesetzes, geht durch den Verlust der Anwesenheitspflicht die Universität als Raum des Gedankenaustausches komplett verloren. Der Student erlernt durch den Aufenthalt an der Hochschule einen enormen Satz an emotionaler Intelligenz – und diese lässt sich in keinem Buch der Welt erlernen.