Studierende heute: passiv, aber glücklich

Von Alina Konietzka

„Neue Studentengeneration: Hauptfach Egoismus“, schreibt der SPIEGEL, „Generation Privatleben“ nennt es die Frankfurter Allgemeine Zeitung – die neuesten Erhebungen zur Situation an deutschen Hochschulen wirft ein neues, nicht unbedingt begeisterndes Bild auf die Studierendenschaft Deutschlands. Die mittlerweile 12. Ausgabe des Studierendensurveys berichtet von glücklichen und (oder aber?) zunehmend passiven Studierenden.

Alle drei Jahre veröffentlicht die Universität Konstanz im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Rahmen der Langzeitstudie „Studiensituation und studentische Orientierungen“ das Studierendensurvey. Seit 1982 werden in diesem Zuge rund 29000 Studierende von 25 ausgewählten Hochschulen befragt. Ende Oktober stellte die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka das neue 12. Studierendensurvey vor und zeigte sich zufrieden über die positiven Ergebnisse. Immer mehr Studierende studieren „sehr gerne“, die Bewertung der Lehre wird stetig besser, die Fälle von Überbelastung sinken. Trotz aller Kritik am Bologna-Prozess scheint sich die Politik auf die Schulter klopfen zu können: den Studierenden geht es einfach immer besser. Doch neben diesen Erkenntnissen zeichnet sich noch ein anderer Trend ab, der zumindest nachdenklich stimmen kann.
Studierende von heute sind politisch desinteressiert wie keine Generation der letzten 20 Jahre. 25 Jahre nach dem Mauerfall sagen nur noch 25% der Studierenden an Universitäten, dass sie Politik als sehr wichtig erachten – 28% erachten sie sogar als unwichtig. Auch das Interesse an der eigenen Hochschulpolitik ist auf einen absoluten Tiefstand gefallen: sage und schreibe 5% interessieren sich dafür. 66% betrachten die studentische Politik an ihrer eigenen Hochschule als wenig bis gar nicht interessant. Hinzu kommt ein Verschwimmen der generellen politischen Gesinnung in einer Grauzone: früher ordneten sich Studierende noch mehrheitlich als „links“ ein, jedoch ist diese Einschätzung von 58% (1993) auf 45% zurückgegangen. Das „rechte Potential“ verändert sich hingegen seit Jahren kaum und steht nun bei 13%. Auch der SPIEGEL berichtet in seiner Ausgabe vom 27. Oktober 2014 von einer anderen, noch unveröffentlichten Regierungsstudie, durchgeführt von TNS Infratest, die nicht nur die Ergebnisse des Studierendensurveys deckt, sondern zu noch drastischeren Aussagen kommt. Die Grünen seien „der große Verlierer“ bei den Studierenden und liegen heutzutage gleichauf mit Sozialdemokraten und Union. Grundsätzlich seien Studierende konservativer geworden. So empfinden beispielsweise 50% der Befragten die hohe Zahl an Zuwanderern als Überforderung für die Integrationskraft der deutschen Gesellschaft.

Auch an der HHU zeigt sich derselbe Trend

Die Heinrich-Heine-Universität gehört nicht zu den 25 auserwählten Hochschulen, an denen Studierende für die neuen Studien interviewt wurden. Dennoch zeichnet sich dasselbe Bild auch hier ab. Linus Mrozek ist stellvertretender Präsident des Studierendenparlaments und natürlich selbst das krasse Gegenbeispiel zur allgemein politikverdrossenen Studierendenschaft: „Politisch interessiert bin ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang. Meine politischen Kernpunkte sind ein bürgerrechtsorientierter Liberalismus, der richtige Umgang mit Geldern der Allgemeinheit sowie die richtige Verknüpfung zwischen Freiheit und Verantwortung. Wenn ich mich in diesem Zusammenhang über Entscheidungen ärgere, die in eine andere Richtung gehen, ist für mich nichts naheliegender, als mich selbst politisch zu engagieren.“ Doch in seiner Position in der Hochschulpolitik kann auch er ein weitläufiges Desinteresse auf dem Campus beobachten. „Anhand von Wahlbeteiligungen und sonstigem Engagement muss man wohl von einem Rückgang des politischen Interesses sprechen“, sagt er, doch fügt an, dass dies auch die Entwicklung auf bundesweiter Ebene spiegele. Speziell auf die Hochschulpolitik angesprochen, sieht Linus das Problem in einer verbesserungswürdigen Informationspolitik: „Aus meinen Gesprächen über Hochschulpolitik nehme ich auch mit, dass meine Kommilitonen einfach schlecht informiert sind. Doch wenn ich ihnen zum Beispiel von den Vertragsverhandlungen mit der Rheinbahn erzähle, sind sie durchaus interessiert.“ Letztlich könne man aber auch Niemanden zu einem Engagement zwingen: „Wenn sich jemand bewusst entscheidet, dass ihm Politik egal ist und er sich nicht engagieren möchte, so muss man dies meiner Meinung nach respektieren.“
So wie Linus den Vergleich zu sinkenden Wahlbeteiligungen auf bundespolitischer Ebene zieht, nennt auch das Studierendensurvey als möglichen Grund für das steigende Desinteresse am politischen Geschehen einen „allgemeinen Trend zur politischen Passivität und Apathie“. Dieser mische sich mit den straffen Zeitplänen Studierender, so dass sie gar keine Zeit mehr hätten, sich mit anderen Dingen als ihrem Studium auseinanderzusetzen. In Anbetracht des ebenfalls ermittelten zurückgehenden zeitlichen Studienaufwands pro Woche scheint diese Erklärung etwas dürftig. Vielleicht halten sich Studierende heute einfach in einer kleinen Wohlfühlblase auf, die wenig Verbesserungsbedarf bietet und außerordentliches Engagement schlicht und ergreifend nicht mehr nötig macht?
Sind die Studierenden von heute ein Haufen politikapathischer Individualisten?

Weitere Ergebnisse der Studien geben zumindest Hinweise darauf, dass sich Studierende heute ziemlich wenig Sorgen machen und wenn, dann hauptsächlich um ihre zukünftige materielle Absicherung. So betrachten laut der TNS Infratest Studie 90% der Studierenden heute ihre Berufsaussichten als sehr gut oder einigermaßen gut. Vor 20 Jahren waren das noch 64%. Auch in der Frage nach den wichtigen Werten im Leben hat sich einiges verschoben: 73% der Befragten betrachten „Sich schöne Dinge leisten können“ als einen in ihrem Leben wichtigen Wert. 1995 waren das nur 31%. Die Entwicklung scheint eindeutig in Richtung individuellem Materialismus zu gehen, doch so einfach lassen sich Studierende dann doch nicht abstempeln. So sagen 63% der Befragten, dass sie der Gesellschaft, die viel in ihre Ausbildung investiert, später etwas zurückgeben wollen. Im Studierendensurvey ist die Angabe, durch ein Studium „zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen“ zu wollen, um 17% gestiegen. Daraus lässt sich schließen, dass für Studierende der materielle und persönliche Nutzen eines Studiums nicht unvereinbar mit dem Allgemeinwohl ist.
Was sagen uns nun also diese Studien? Dass wir tatsächlich gerade eine Generation Ich an den Hochschulen sitzen haben? Und wenn ja, ist das so schlimm? Ehrgeiz ist nicht gleichzusetzen mit Egoismus. Und die Politikverdrossenheit muss kein Zeichen eklatanter Probleme sein – schließlich deutet sie auch auf einen gewissen, durchaus anzuerkennenden Wohlstand. Offensichtlich sind die Probleme früherer Generationen nicht mehr die Probleme der heutigen Generation. Für die Studierenden gibt es derzeit einfach wenige Gründe, protestierend die Straßen zu stürmen. Laut TNS Infratest sind 73% der Studierenden mit der Umsetzung der Demokratie in Deutschland alles in allem sehr zufrieden. Und da Niemandem mit Protest um des Protestes Willen gedient ist, kann man die Ergebnisse diverser Studien getrost zur Kenntnis nehmen und sollte sie doch betrachten als das, was sie sind: Momentaufnahmen.