Die Stimme des Wutbürgers: VRR und Bahnstreik

von Gordon Worthmann

Sind die Lokführer wirklich an allem Schuld? Hier ausnahmsweise mal schon…

Thema: VRR und Bahnstreik. Ob Streik oder nicht, die Bahn kommt ja doch nicht. Udo hat deswegen die Schnauze voll! Nicht auf die Bahnmitarbeiter ist er sauer, sondern auf die eigentlich Verantwortlichen: Management, Politik und Medien.

Jeder kennt es. Man steht schnaubend am Bahnsteig, weil man gerade von der Bushaltestelle schnell hierher gehechelt kommt und muss zu seinem Schock auf der Anzeigetafel lesen, dass der Zug ausfällt. Keine Erklärung, keine Angabe für eine Umleitung. Die Rede ist von der Bahn, das einzige Unternehmen in Deutschland, das in einem Paralleluniversum arbeitet. Einer anderen Dimension, welche unserer Zeitrechnung immer mindestens 30 Minuten hinterher hinkt. Doch seit den Tarifverhandlungen müssen wir uns nun auf zusätzliche Bahnstreiks einstellen. Die Gespräche verlaufen dabei genau so reibungslos und friedlich wie in einer entmilitarisierten Zone. Udo (Unidentifizierbares Dauergestresstes Objekt) – 25 Jahre, 5.Fachsemester Physik – bringt aber etwas ganz anderes auf die Palme. Da war es fast schon ironisch, dass er zu unserem Intierview im Ex Libris 30 Minuten zu spät kam. Grund: Die Rheinbahn hatte Verspätung.

„Das Problem sind doch nicht die Bahnfahrer – ob sie nun streiken oder nicht – das Problem ist das System“, moniert er. „Die Züge kommen doch nicht zu spät, weil der Lokführer nicht genug auf die Tube drückt, sondern weil das Management völlig verstockt ist! Denken wir zurück an das Chaos im Sommer 2013 in Mainz, wo das Unternehmen falsch kalkuliert hatte und zu wenig Personal da war, um die Stellwerke zu betreiben. Die Leitung forderte ihre Mitarbeiter daraufhin auf, doch auf ihren Urlaub zu verzichten. Die Manager verzichten sicher nicht auf Urlaub. Und Reibungspunkte werden dann immer auf den Rücken derjenigen ausgetragen, die keine zahlungskräftige Lobby haben, wie wir Studierenden.“ Die Anspielung unseres jüngsten Wutbürger ist unüberhörbar und bezieht sich auf die gestaffelte Preissteigerung des VRR-Tickets um 50%. Dieser Preis läge immer noch unter dem, was Studierende ansonsten für ein Monatsticket oder eine Bahncard ausgeben müssten. Die Frage ist nur, wie lange noch? Gibt der AStA nach, wird vielleicht alle paar Jahre immer wieder eine Preissteigerung kommen bis die Kommilitonen am Ende sich selbst um ein Ticket bemühen könnten. Eigentlich könnte man hier argumentieren, dass DB (Deutsche Bahn), VRR (Verkehrsbund Rhein-Ruhr) und RB (Rheinbahn) theoretisch eigenständige Unternehmen sind, die nur unter einem gemeinsamen Dach arbeiten. Doch unter der Lupe betrachtet, sieht es anders aus. Erinnern wir uns an die Bahnbetriebsparty in Neuss, wo die Verantwortlichen extra ein Boxkänguruh aus Australien haben einfliegen lassen – für 300.000€. Heben die nun die Preise an, um nächsten Jahr zwei Kängurus in einem Kampf auf Leben und Tod gegeneinander antreten zu lassen? Bisher gab es von Seiten der Rheinbahn keine Begründung zu den angezielten Preissteigerungen.

Die RB hat genug Geld, um auf ihrer Betriebsfeier extra ein Boxkänguru antreten zu lassen. Fotos waren nicht erlaubt.

„Das hat nichts mit Inflation zutun“, spöttelt Udo, „sondern dass diese Unternehmen um jeden Preis Wachstum erzielen müssen. Und das geeignetste Mittel ist einmal die Preise für die Kunden zu erhöhen und den Lohn der Mitarbeiter zu kürzen…oder was auch sehr beliebt ist: Der Lohn bleibt gleich, kein Inflationsausgleich, dafür aber längere Arbeitszeiten, was ja am Ende auf dasselbe hinaus läuft.“ Oft…oder eigentlich immer bekommt das Bahnpersonal, wie Schaffner oder Zugbegleiter, den Unmut der (Wut-) Bürger zu spüren. Aber trifft den Schaffner wirklich die Schuld dafür, dass die Unternehmensleitung beispielsweise bei der technischen Einrichtung der Klimaanlagen geknausert hat? Es darf nicht verschwiegen werden, dass ein Lokführer eine hohes Maß an Verantwortung trägt und mittlerweile haben die knapp 300.000 Mitarbeiter insgesamt Acht Millionen Überstunden angesammelt, womit die Bahnmitarbeiter einen der Spitzenplätze in der EU einnehmen. Ein Lokführer verdient im Durchschnitt gerade mal zwischen 1.288 bis 1.628€ Netto, und davon soll er sich, seinen Ehepartner und die Kinder ernähren? Erscheint es da nicht schon fast zynisch, dass die Rheinbahn seit mehreren Jahren mit einer neuen Imagekampagne werben will für…ja, für was eigentlich? (Siehe Fotos) Als Beispiel sei das Motiv von Mattew Ojienelo erwähnt, wo es heißt: „Am Herd werde ich kreativ – Alles andere geht nach Plan.“ Müsste es nicht eher heißen: „Bei der Bahn wird man kreativ – Alles andere verläuft nach Plan“? Bezeichnenderweise gibt es keine dieser Werbeträger, der einen Bahnmitarbeiter bei dem wirklichen Lieblingshobby aller Deutschen zeigt: Mit einem Bier vor der Glotze zu hängen und sich über den kaputten Rücken zu beschweren.

„Was soll uns so eine Werbung sagen?“, fragt Udo. „Nun wissen wir, was er in seinem Privatleben treibt. Toll, und jetzt? Aber wer glaubt denn schon, dass das echte Bahnmitarbeiter sind, die sich da so porträtieren und vorführen lassen würden? Jeder weiß doch, dass das eingekaufte Protagonisten von Agenturen sind. Für die richtigen Mitarbeiter muss diese Kampagne wie ein ausgestreckter Mittelfinger aussehen!“ Oder wie die zynische Propaganda einst in den sozialistischen Ländern, wo ja auch immer nach außen hin alles theoretisch nach dem (Fünfjahres-)Plan lief. „Apropos sozialistisch“, wirft Udo ein. „Wo es unsozial zugeht, ist bekanntlich auch die SPD nicht weit weg. Frau Nahles hilft den Arbeitgebern auch noch fleißig, indem sie die Rechte der Gewerkschaften filetiert wie einen rohen Fisch, während mal gleichzeitig versucht wurde, gegen den verfassungskonformen Streik zu klagen, um im Grunde damit ein Entscheidungsurteil über die Begrenzung des Streikrechts zu erhalten. Immerhin wurde diese Klage abgewiesen, denn solange es keine Möglichkeit gibt Unternehmen wegen Ausbeutung zu verklagen, solange darf es auch kein Recht geben die Gewerkschaften zu verstümmeln. Aber die meisten Menschen haben sich nur über den Streik der Lokfürhergewerkschaft GDL aufgeregt. Ein künstlicher Zorn, den die Medien entfacht haben.“
Natürlich ist man von der Boulevardpresse (die wir hier nicht namentlich nicht nennen dürfen, weil das ja überhaupt nicht stimmt, was wir hier über die schreiben. Aber ihr wisst alle, wer gemeint ist) einiges gewohnt, doch selbst die sogenannten Qualitätsmedien (ihr wisst auch wer sich dazu zählt) haben eine Schmutzkampagne von bestialischem Ausmaß entfesselt, dessen Dreck sich vor allem persönlich gegen den Vorstandschef Claus Weselsky richtete. So wurde er fast quer durch alle Blätter als „größter Bahnsinniger“ bezeichnet, seine Telefonnummer mit großen Schlagzeilen veröffentlicht und sogar seine Ex-Frau interviewt, die ihn natürlich wie erwartet jeden schlechten Namen gegeben hat. Was hat das Privatleben dieses Mannes mit der Entscheidung der GDL – angeblich ja Deutschlands „dümmste Gewerkschaft“ – zutun? Der Mann ist doch nicht der König der Lokführer, aber wenn man der Pressehetze glauben kann, sehen sie es wie beim Schach: Ist der König erstmal matt gesetzt, hat seine Seite auch komplett verloren. Daher treffen Weselskys Äußerungen, dass man „Progromstimmung“ gegen ihn und die Gewerkschaft betrieben hätte vollkommen zu – die großen Presseblätter sehen das natürlich anders und hauen munter weiter drauf los. Nur wenige Anzeigen wie die Nachdenkseiten oder die Campus Delicti (was für ein Zufall) haben die Lage differenzierter betrachtet und eher auf das Problem des Mediensyndikats denn auf das Problem der ausbleibenden Loks aufmerksam gemacht.

rheinbahn

Propaganda wie in der sozialistischen Planwirtschaft: Von der Bahn lernen, heißt Geduld lernen.

Doch warum haben Politik und Medien so ein Interesse daran der Industrie zu helfen und symbolisch Herr Weselsky als „meist gehassten Deutschen“ zu bezeichnen?
„Es soll Druck auf die GDL ausgeübt werden, und da hilft es ungemein, wenn man die Bevölkerung deswegen gegen jemanden abrichtet. Wer kann sich schon vor einem wütenden Mob behaupten?“, erkärt uns Udo süffisant, selbst leidenschaftlicher Wutbürger aus Überzeugung. „Wo nicht gearbeitet wird, da fließt auch keine Kohle und die Arbeitgeber wollten, dass der Betrieb wieder läuft. Dass sie auf die Abhängigkeit der Menschen zur Bahn verweisen, ist doch nur ein Instrument, um die Gewerkschaften auch noch moralisch ins Abseits zu stellen. Manager haben im heutigen Heuschrecken-Kapitalismus doch schon mehr Macht als Politiker. Haben die Manager auf ihre Bonizahlungen verzichtet, als ihre Finanzblasen geplatzt sind und als Folge dessen ganze Volkswirtschaften in Grund und Boden spekuliert wurden? Die sollen mal nicht so scheinheilig tun. Es wurde so dargestellt, als würden die bösen Lokführer aus reinem Sadismus streiken und das Volk dabei mit astronomischen Forderungen erpressen.“ Daher hat es auch nichts mit Verschwörungstheorien zutun, wenn man feststellen kann, dass der Meinungspluralismus in Deutschland mittlerweile dazu instrumentalisiert wird, um die Medien zu den Kettenhunden der Industriebarone mutieren zu lassen. Aber natürlich hatten die Presseagenturen auch egomanische Ziele verfolgt. Denn bekanntermaßen verkauft sich nichts so gut, wie eine Story, in der man mit dem Finger auf jemanden zeigen kann und rufen kann „Der und auch nur der ist an allem Schuld!“ Der typische Sündenbock. Die simpelste Lösung für simple Menschen.

„Natürlich nervt es gewaltig, wenn die Bahn nicht pünktlich kommt und du einen wichtigen Termin verpasst. Aber Schuld daran ist niemand ganz alleine, schon gar nicht der Lokführer. Vielleicht hat es ja einen Autounfall gegeben und die Straßenbahnstrecke ist deswegen versperrt? Aber da steckt sicher auch Herr Weselsky hinter. Und wenn Studierende schon auf die Bahn warten müssen, dann haben sie ja genug Zeit, um auf ihren Smartphones im Internet sich in ausgewählten Portalen besser zu informieren und sich ein eigenes Urteil zu bilden.“ Das letzte Wort soll jedoch nicht dem wütenden Udo überlassen werden, sondern ein Zitat des Kabarettisten Volker Pispers sein, der mal im Zusammenhang mit den Bundestagswahlen sagte: „Wir ziehen nicht die Notbremse – wir tauschen alle paar Jahre den Lokführer aus und sagen: Gib Gas und halt Kurs!“