II. Einmal Hölle und zurück

von Kurt Spindler

>>Eigentlich ist es als Filmkritiker ja meine Pflicht auf französische Streifen zu stehen. Aber an diesem Abend war alles genauso französisch wie der Papst buddhistisch ist. Und das, obwohl Coco und ich am Abend der Ausstellung vor einem großen Artprint standen, der einen Ausschnitt aus dem Film „Masculin – Feminin“ zeigte. Es war unheimlich, denn immer, wenn das Mädchen sprach, wusste ich nicht, ob sie mich oder ihren imaginären Freund Enzo meinte. Beizeiten fühlte ich mich, als sei das ganze Szenario einem Bob Dylan-Song entsprungen.

„Hach, die Bilder sind zwar schwarz-weiß, aber sie strahlen so viel Wärme aus“, sprach Coco mit Entzücken. Nach einer kurzen Pause wurde mit klar, dass sie mich meinte.
„Ja, hmm…ganz nett“, sagte ich beiläufig und nippte an meinem Sektglas.
„Du klingst nicht so begeistert? Gefällt es Dir etwa nicht?“, fragte sie.
„Doch, doch. Aber nur weil ich Filmkritiker bin, muss ich nicht direkt alles gut heißen. Die Nouvelle-Vague hatte sicher ein enormen Einfluss auf die Filmwelt; vielleicht mehr als jede andere Strömung, denn es brachte die Künstler dazu, mit dem Medium zu experimentieren. Aber ich persönlich bin ein Freund des Expressionismus.“
„Du bist wirklich interessant, weißt Du das?“, entgegnete sie mit einem Lächeln.
„Ach, was. Ich habe nur mein Hobby zum Beruf gemacht.“
„Expressionismus. Was kann man sich denn darunter vorstellen?“
„Es sind Werke, die auf dem Wirken und Schaffen der Schattenmalereien fußen. Es ist, als würden Gemälde zum Leben erwachen und Gemälde sind für mich eine ganze Welt. Besonders der Expressionismus der frühen 20er Jahre fasziniert mich.“
„Hmmm, 20er Jahre. Du meinst Stummfilme?“, fragte sie.
„Ja, Stummfilme. Problem damit?“
„Die sind doch voll langweilig…“
„Die sind…? Ach, warum erzähle ich das überhaupt!?“
„Also Enzo kann alte Filme auch nicht leiden“, versicherte sie mir. Ich erinnerte mich an die Worte von Tanja, dass ich Cocos Zustand nur verschlimmern könnte, wenn ich sie auf ihre Krankheit aufmerksam machen würde. Also musste ich wohl oder übel mitspielen.
„Ach ja, was ist denn Enzos Lieblingsfilm?“, fragte ich deswegen – bemüht darum, nicht desinteressiert zu wirken.
„Ich glaube, er fand ‚Police Academy Teil 7‘ ganz gut“, antwortete Coco. Police Academy 7! Was sollte einem dazu auch noch einfallen?
„Und wenn der Film irgendwann mal 80 Jahre alt ist, findet er ihn dann auch plötzlich lahm? Haben Kunstwerke neuerdings ein Verfallsdatum!?“
„Hmmm, ich glaub, da frage ich ihn mal“, sagte sie.
„Wieso?“, fragte ich zurück. „Ist er gerade nicht hier?“
„Nein, er steht da drüben bei den Truffauts. Ich hol ihn mal.“

Das Mädel watschelte weg und ich war froh, für einen Moment mal alleine zu sein. Das ganze Szenario war so verrückt. Ich wollte gerade einen weiteren Schluck Sekt nehmen, als ich plötzlich ein Dröhnen in meiner Hose verspürte. Zuerst dachte ich, ich hätte gefurzt, aber rasch bemerkte ich, dass es mein Handy war, welches vibrierte. Ich zog es aus der Tasche und erkannte zu meiner Freude, dass es eine Benachrichtigung von Tanja war. Dort stand geschrieben: „Das ist sooo lieb von Dir, dass Du mit meiner Schwester ausgehst, weil ich Dich darum gebeten habe. Hoffe, Sie bereitet Dir keine Unannehmlichkeiten? Kuss, Tanja.“
Ich konnte nicht anders; ich musste zurückschreiben: „Nein, danke. Noch ist nichts passiert. Dennoch bist Du mir nun was schuldig. Wie hast Du das nur Dein ganzes Leben mit ihr und diesem blöden Enzo ertragen?“ Ich hatte die Nachricht gerade abgeschickt, da kam jemand auf mich zu. Es war nicht Coco, sondern Herr Hartl, ein Kollege aus einer unserer Partnerfirmen. Der alte Zauselbart erinnerte mich jedes Mal an den Dr. Zaius aus ‚Planet der Affen‘.

„Herr Deckard“ begrüßte er mich distanziert höflich. „Es freut mich Sie hier anzutreffen.“
„Herr Hartl. Schön Sie zu sehen. Wie geht es mit Ihren Geschäften voran?“
„Ach, kommt grade ganz drauf an, wie die Pferde durchs Ziel kommen…naja. Es wundert mich ja ehrlich gesagt nicht, Sie hier anzutreffen. Und wieder mit Begleitung, was? In Ihrem Alter hat das damals auch noch besser mit den Frauen bei mir geklappt…“ Ich wusste zuerst nicht, was er meinte, da sah ich, dass Coco wieder kam.

„Ben! Ich hab mich geirrt; Enzo’s Lieblingsfilm ist ‚Ishtar’“, frohlockte sie.
„Möchten Sie uns nicht vorstellen?“, fragte Herr Hartl mich und musterte das Mädel kritisch. Genau das hatte mir jetzt noch gefehlt. In der Redaktion würde man sich über mich lustig machen, wenn herauskommt, dass ich zum Babysitter einer durchgedrehten Braut verkommen bin.
„Das ist Cornelia; die Schwester einer guten Freundin von mir. Coco, das ist Stephan Hartl, Eventmanager von erfolgreichen Konzerten wie ‚Molotov, die Bude brennt‘ oder ‚Hallo, Abschleppdienst‘.“
„Warum nennen Sie sie Coco?“, fragte Herr Hartl.
„Oh, das ist ihr Spitzname“, versicherte ich ihm, in der naiven Hoffnung, sein Augenmerk so von Coco weglenken zu können, aber es kam schlimmer. Coco stupste mich an.
„Hast Du nicht vergessen, noch jemanden vorzustellen?“, fragte sie grinsend. Ich wusste, was sie hören wollte: Enzo! Ich musste schnell das Thema wechseln.
„Äh, Herr Hartl, haben Sie sich eigentlich schon jemals…äh, unopportunistisch gefühlt?“, fragte ich ausweichend.
„Wie bitte?“, fragte mich der alte Mann stirnrunzelnd zurück.
„Nun, ob Sie sich als unopportunistisch ansehen?“, wiederholte ich die Frage. Sie war nicht rhetorisch gemeint.
„Wie kommen Sie darauf? Ich meine, was hat das hiermit zu tun?“
„Das ist eine Frage, die mir schon lange auf der Seele brannte. Coco, willst Du nicht mal gucken, ob es sich lohnt, noch in der Abteilung rund um Claude Chabrol vorbeizuschauen?“, warf ich beiläufig ein, um Coco erst mal wieder loszuwerden.
„Aber da waren wir doch schon?“, korrigierte sie mich.
„Dann eben Luis Buñuel…“, sagte ich unterschwellig gereizt.
„Davon gibt es hier nichts. Der ist doch noch nicht mal Franzose. Ich glaube, der ist Spanier oder Mexikaner?“
„Spanisch, Französisch, Mexikanisch, wo ist der Unterschied!? Bei allen dreht es sich nur um Sex!“, erwiderte ich, mittlerweile schon leicht entnervt. „Stell Dich nicht so an und schau Dich mal ein bisschen um.“
„Äh, Herr Deckard? Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sie wirken so aufgekratzt?“, fragte Herr Hartl.
„Nein, nein, alles bestens, danke. Ich bin nur immer noch so ergriffen von dieser Tour de Cinema.“
„Verzeihen Sie, Herr Hartl“, mischte Coco sich ein, „ich kenne Ben nun zwar bei weitem noch nicht so lange wie Sie, aber er ist immer so bescheiden und hält mit vielen Sachen hinterm Berg. Ben? Hast Du was dagegen, wenn ich von Deiner Mission in Afrika erzähle?“
„Also eigentlich…“
„Sie waren in Afrika?“, fragte Hartl verwundert. Ich wollte gerade ansetzen, um das Missverständnis aufzuklären, doch da polterte Coco bereits drauf los.
„Er hat dort an einem Mittel gegen Polio geforscht…oder war es doch Aids? Egal, alles nur als Entwicklungshelfer, um das Leid der Menschen zu lindern. Er ist so aufrichtig und ehrlich.“ Herr Hartl schaute mich an, als würde er einen Außerirdischen vor sich haben.
„Sie haben an Aids geforscht? In Afrika?“, fragte er zögernd.
„Genauer gesagt, war es Uganda!“, führte Coco aus.
„Ich dachte, Sie hätten Angst vorm Fliegen? Und haben Sie nicht noch bei der Weihnachtsfeier so viele Witze über hungernde Negerkinder gemacht?“, fragte Hartl.

Nun war es Coco, die mich mit Augen anschaute, die um etliche Jahrzehnte gealtert waren. Die Diskussion nahm einen Verlauf, die gefährlicher war als eine Kompanie Schwiegermütter.
„Ich glaube, Sie verwechseln mich da mit jemand anderem, Herr Hartl. Und Coco, ich habe neulich bei Deiner Schwester schon mal klargestellt, dass das Ganze mehr was mit Kentucky Fried Chicken zu tun hatte…ich habe nur das Forschungslabor mit Burger und Pommes Frites beliefert.“
„Und den armen Kindern habt ihr nichts abgeben?“, fragte sie mitleidig.
„Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie es waren, der über die Schwarzen hergezogen hat. Ich meine sogar mich an den Witz erinnern zu können“, wiederholte der Alte.
„Gab es denn wenigstens ein Spielzeug im Happy-Meal?“ Jetzt reichte es.
„Hört zu! Können wir uns vielleicht einfach nur die Bilder zu den langweiligen französischen Filmen angucken?“, rief ich. „Dafür sind wir schließlich hier!“
„Ben, Enzo ist nicht begeistert davon“, sagte Coco.
„Wer ist Enzo?“, fragte Hartl. Coco holte tief Luft und wollte gerade ansetzen ins Leere zu deuten und ihren Freund vorzustellen als ich dazwischen schoss wie ein Silberpfeil.
„Jawohl. Enzo. Enzo Castellari. Er ist wohl der bekannteste Regisseur des italienischen Pulpkinos. Schöpfer von Meisterwerken klassischer B-Movies wie ‚Django kennt kein Erbarmen‘, ‚Django und die Bande der Erhängten‘, ‚Django spricht das Nachtgebet‘ oder ‚Django: Der Schnuller war sein Colt‘.“
„Aber was sucht ein italienischer Künstler auf einer französischen Ausstellung?“, fragte Herr Hartl.
„Den hatte ich auch gar nicht gemeint“, erwiderte Coco. „Es gibt da nämlich noch…“
„…ja, es gibt aber auch noch vieles andere zu entdecken“, unterbrach ich. „Also, Herr Hartl, war nett, Sie nochmal gesehen zu haben. Aber ich muss morgen früh raus.“
„Oh, Verzeihung. Ich wollte mich nicht aufdrängen. Natürlich, angenehmen Abend noch“, sagte der Alte und trat ab. Das war gerade noch einmal gut gegangen, aber ich musste schnell zusehen, dass ich mit Coco verschwand, bevor Sie mich noch wirklich bloß stellte. Tatsächlich ließ das Mädchen sich leicht davon überzeugen, die Ausstellung zu verlassen. Wir hatten schon fast den Ausgang erreicht, als plötzlich Herr Hartl uns nochmal von hinten zurief. Als wir stehen blieben und ich mich umdrehte, kam er der Gute auch schon leicht keuchend heran gehastet wie ein alter Traktor.

„Herr Deckard! Herr Deckard! Eine Sache noch kurz“, sagte er und verkniff sich ein Lächeln.
„Was denn noch?“ fragte ich ein wenig ungehalten.
„Mir fiel gerade der Witz ein…und der ist eindeutig von Ihnen: Warum lohnt es sich nicht, Medikamente nach Uganda zu schicken?“ Oh, nein. Ich wusste, was nun kam. Aber ich wollte sicher nicht die Pointe hören.
„Jaja, kann sein, dass der von mir war…ein echter Klassiker. Aber wir müssen jetzt gehen. Tschüss…“
„Möchten Sie die Pointe nochmal hören?“, fragte Hartl. Coco blieb erschrocken stehen.
„Nicht im ernst!? Ben, sowas kommt aus Deinem Munde? Enzo und ich sind enttäuscht von Dir“, monierte sie.
„Wer ist denn dieser Enzo? Ist das so ein Insiderwitz?“, fragte Herr Hartl.
„Nein, es ist ein Freund von mir“, entgegnete Coco.
„Und wo ist er?“
„Na, hier“, frohlockte sie und deutete neben sich. Doch niemand war zu sehen. Ich fuhr mir beschämt mit der Hand übers Gesicht. Herr Hartl blieb noch ein wenig gebannt stehen, als erwarte er selber die Auflösung einer Farce. Aber es kam nichts, doch Coco sprach dennoch weiter…sie sprach zu Enzo.
„Enzo, das ist Herr Hartl. Ein Arbeitskollege von Ben“, sagte sie. Das Lächeln des Alten erstarrte genauso geisterhaft wie das der Teletubbies.
„Äh, ist das Sekt, was die hier anbieten oder doch etwas stärkeres?“
„Wir müssen dann jetzt auch gehen. Auf Wiedersehen“, sagte ich und packte Coco bei der Hand und zog sie aus der Ausstellung.

Mittlerweile war es Nacht und der kalte Wind biss um sich wie ein hungriger Löwe. Die dunklen Wolken am Himmel zogen wie monströse Schlachtschiffe vorüber, gleich einem Appell an eine finstere Gottheit. Gott. Oh, ja, oh, Gott! Ich konnte es gar nicht fassen, was da gerade passiert war. Doch Coco schien das Ganze gar nicht zu begreifen.
„Warum bist Du plötzlich so gereizt? Warte! Wir müssen noch auf Enzo warten“, sagte sie. In dem Moment konnte ich einfach nicht mehr an mich halten. Ich riss mich von ihr los und stellte mich ihr entgegen ohne einen Hehl daraus zu machen, dass ich geladen war wie ein Zug mit Nitroglycerin, der einen Abhang hinunter raste.
„Enzo! Enzo! Immer wieder Enzo!“, rief ich impulsiv. „Warum heiratet ihr beiden eigentlich nicht!?“ Doch Coco blieb immer noch fidel, ja fast schon naiv freundlich.
„Oh, wir sind bloß gute Freunde. Eine feste Beziehung würde das Vertrauen, auf dem unsere ungezwungene Zweisamkeit beruht, nur belasten“
„Das war doch nur rhetorisch gemeint! Ich…ich…ach, vergiss es!“
„Warum wolltest Du Dir nicht den Rest der Ausstellung ansehen?“, fragte sie.
„Weil es eine Ausstellung über die französische Filmkultur der 60er Jahre ist. In dem Streifen liegen die Leute sowieso die ganze Zeit nur im Bett rum und reden über Karl Marx und Coca Cola. Und ich weiß, wovon ich spreche; ich bin Filmkritiker! Da kann ich mir genauso gut einen Film anschauen, bei dem es nur darum geht, ob die Tapete auch richtig trocknet…“ Mit den Worten stampfte ich weiter in Richtung Rheinpromenade.
„Warte!“, rief sie.
„Was denn?“
„Wir müssen immer noch auf Enzo warten. Er geht nochmal schnell pinkeln…“
„Wir müssen…?“ Ich konnte meine Wut echt nicht mehr unterdrücken. Das Mädchen hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gemerkt wie wütend ich auf sie war. Sie schien das Gemüt eines Kleinkindes zu besitzen. Und sie quatschte mich mit ihrer aufgedrehten Heiterkeit auch noch weiter zu.
„Aber eigentlich ist es gut, dass er weg ist; ich wollte nämlich kurz mit Dir alleine sein“, sagte sie.
„Du willst mir mir alleine sein?“, fragte ich etwas ungläubig zurück.
„Nun, ich wollte mich für den schönen Abend bedanken und naja…Tanja sagte mir, dass Du letztens Geburtstag hattest. Deswegen habe ich Dir auch eine kleine Aufmerksamkeit geholt…“ Etwas schüchtern zog das Mädchen etwas aus ihrer Handtasche. Ich wusste bei besten Willen nicht, was es war. Aber es schien ein kitschiges Stück Porzellan zu sein, das ein nicht näher zu definierendes, haariges Fabelwesen zeigte. Typsicher Ramsch wie er dummen Touristen verkauft wurde…oder einer wie Coco. Dennoch linderte diese nette Geste meine Wut etwas und ich bemühte mich freundlich zu sein.
„Oh…äh, danke, Coco. Ähm, was ist das?“
„Na, das ist ein Zottel! Ein Zottel aus Porzellan, versteht sich.“
„Interessant…Ist das eine Spardose?“ fragte ich.
„Nein.“
„Kann man es als Türstopper verwenden?“
„Nein, dann würde es sicher kaputt gehen.“
„Ein Briefbeschwerer, vielleicht?“
„Ach, komm schon, Ben.“
„Kann das Ding wenigstens auf der Fensterbank ein wenig den Staub von meinen anderen Möbeln abhalten?“
„Weiß ich nicht, aber ich fand es so süß, bis Enzo mich davon überzeugte, es für Dich zu kaufen.“ Da war er wieder, dieser höllische Name. Enzo…Enzo!
„Hey, da kommt Enzo ja wieder“, lachte Coco. „Wie sind die Toiletten im Museum? Echt? Man pinkelt wie im alten Rom?“ Genug war genug.

„Enzo…Enzo…Enzo“, zischte ich und die Wut schäumte nun in mir hoch wie die Lava in einem unaussprechlichen, isländischen Vulkan.
„Was ist?“, fragte Coco als sie meinen Zorn zu bemerken schien.
„Was los ist!? Was los ist!? Ich sag Dir was los ist!“, rief ich nun aus voller Kehle. „DU…HAST…MICH…BLAMIERT! Du! Du, und Dein scheiß Enzo!!!“ Nun war Coco verunsichert und trat einen Schritt zurück.
„Was…was meinst Du damit?“
„Checkst Du’s nicht!?“, fuhr ich wutentbrannt fort. „Ich wollte nicht zu dieser Ausstellung. Ich wollte nicht mit DIR zu dieser Ausstellung! Und noch VIEL WENIGER wollte ich mit DEINEM SCHEISS ENZO ausgehen! Du durchgedrehte Kuh – lass Dich mal untersuchen, um herauszufinden, welches Kabel in Deiner Birne da falsch angeschlossen ist!“

Coco war ganz und gar erschrocken über meinen Ausbruch und versuchte ihre Tränen zurück zu halten, aber ihre Augen begannen glasig zu werden. Langsam fing sie an zu schluchzen, aber noch überwog bei ihr der Trotz.
„Wenn…wenn ich so unausstehlich bin…“ ,sprach sie verbittert. „Warum hast Du mich dann überhaupt gefragt, ob wir zusammen ausgehen!?“ Ich war noch immer wütend und gab ihr eine glasklare Antwort.
„Ich Dich gefragt? Hat Dir das auch Dein Enzo verklickert? Deine Schwester hat mich doch gebeten, mit Dir auszugehen, alles klar!?“ Aus Cocos rechtem Auge stahl sich eine einzelne Träne, die sie sich aber eiligst wegwischte. Ihr Mund weitete sich.
„Mei…Meine Schwester…“, stotterte sie. „Dann…dann muss ich mich wohl entschuldigen. Tut mir leid, dass meine Anwesenheit Dir so viel Zeit gestohlen hat. Ich werde Dir nicht länger im Weg stehen!“ Mit diesen Worten machte sie kehrt und lief den Rhein in entgegengesetzter Richtung entlang. Obwohl sie vor mir nun weglief, war es nur allzu offensichtlich, dass das Mädchen in Tränen ausgebrochen war. Immerhin hatte ich ihr offenbart, dass ihr ein Mitleidsdate arrangiert worden war. Ich hatte eben eine tolle Metapher mit einem Vulkan aus Island gebracht. Ich glaube, auf der reite ich weiter herum, denn genau wie ein Vulkan verrauchen kann, so war es nun auch mit mir und meiner Wut. Und ehe ich noch darüber nachdachte, ertappte ich mich dabei, wie das Mitgefühl meine Beine hinfort riss und ich ihr nacheilte. Da sie nur im Schritttempo unterwegs war, hatte ich keine Probleme sie einzuholen. Es tat mir wirklich leid und ich hatte nicht vor das Mädchen zu verletzen.

„Hör zu, ich…ich hab’s nicht so gemeint“, sagte ich als ich sie eingeholt hatte und sehen konnte, dass sie geweint hatte. Sie antwortete nicht. „Hör zu, ich war gereizt und wütend. Aber verstehe mich. Du hättest dort gerade eben meine ganze Reputation verspielen können. Ich hatte es wirklich nicht so gemeint.“
„Ach, dann hat meine Schwester Dir also kein Mitleids-Date mit mir aufgezwungen!?“, fragte sie scharf zurück.
„Nein, so war es nicht. Du warst doch am Tisch dabei als sie mich gefragt hat.“
„Für wen hältst Du Dich eigentlich? Glaubst Du, ich weiß nicht wie meine Schwester auf Männer wirkt? Und ich daneben…“
„Ich wollte nicht…“
„Ist doch scheißegal“, unterbrach sie mich und brach wieder in Tränen aus. Sie lehnte sich an die Dammmauer und ließ den Kopf sinken, so als spräche sie zum Fluss. „Meine Schwester regelt alles für mich, weil sie so beliebt ist. Und ich…und ich? Ich bin das genaue Gegenteil; ich mache mir nur was vor…“
„Du? Unbeliebt? Und was ist mit Enzo?“, fragte ich, um sie aufzubauen.
„Ach, er ist der Einzige, der zu mir hält. Ohne ihn hätte ich mich schon lange umgebracht“, seufzte sie. Ich konnte nicht einschätzen, ob sie das ernst meinte.
„Sowas darfst Du nicht sagen!“
„Es ist doch wahr“, schluchzte sie. „Mich hat außer Enzo noch nie jemand gemocht. Selbst für meine Schwester bin ich eine Last.“
„Das stimmt doch gar nicht…“
„Und warum muss sie andere Menschen dazu bringen mit mir auszugehen, statt selbst was mit mir zu unternehmen!? Auf ihr Mitleid kann ich genauso gut verzichten wie auf Dein heuchlerisches Gehabe…“
„Pass auf! Du kannst Menschen begeistern. Aber heute Abend hast Du mich vor meinen Kollegen düpiert. Ich war wütend, aber ich gebe zu, ich habe überreagiert. Und es tut mir wirklich leid, glaub mir.“
„Du musst Dich da jetzt nichts raus reden. Ich bin Dir doch egal; Dich interessiert doch nur, wie Du bei Tanja dastehst!“
„Wenn Du mir wirklich egal wärst, wäre ich dann jetzt hinter Dir her gelaufen? Ich will mich wirklich bei Dir entschuldigen. Ich hab Dir doch erzählt, dass ich auf expressionistische Filme stehe. Nun, in dem Metropolkino führen sie bald die neu restaurierte Fassung von einen meiner Lieblingsfilme auf: ‚Das Cabinet des Dr.Caligari‘. Und es wäre mir eine Freude, wenn Du mit mir kommen würdest, denn dann könnte ich Dir die Schönheit dieser Kunst zeigen.“
„Ist das auch so ein alter Stummfilm?“, fragte sie, nun etwas abgelenkt.
„Äh, ja. Aber Du wirst sehen, dass es darauf nicht ankommt. Ich meine, Du kannst das Kolosseum in Rom doch auch nicht mit dem Wembley-Stadion vergleichen. Also, wie sieht es aus?“
„Du sagst das doch nur so, um mich zu trösten…“
„Ich kaufe auch ein drittes Ticket für Enzo. Bitte, ich meine es ernst. Ich frage Dich ganz offen: Möchtest Du…äh, ich meine…möchtet ihr mich begleiten?“
„Ich weiß nicht…“
„Wieso lässt Du nicht Enzo entscheiden?“, fragte ich.
„Na, gut“, seufzte sie und wand sich ihrem unsichtbaren Freund zu. „Hast Du gehört, Enzo? Was sagst Du dazu?“ Ich wartete einen Moment.
„Und? Was sagt er?“, fragte ich neugierig. Es war nicht gespielt, und Coco drehte sich um und lächelte zu meiner Freude wieder.
„Er sagt ‚Du kriegst noch eine Chance’“, erklärte sie.
„Na, dann…bitte.“
„Was ist?“
„Zu Dir geht es doch in die Richtung, oder?“
„Ja, warum?“
„Komm! Ich begleite Dich bis zu Deiner Tür“, bot ich ihr an.
„Oh, das musst Du nicht“, entgegnete sie und wand ihr Gesicht ab, wie ein Schulkind, dass man bei einem Streich erwischt hatte.
„Ich weiß, Du hast Enzo. Aber ein Gentleman kann eine Lady nicht den Weg alleine beschreiten lassen. Erlauben Sie mir diesen letzten Tanz?“ Etwas schüchtern näherte Coco sich mir.

„Okay…aber Du hast Dich eben nicht wie ein Gentleman mir gegenüber benommen.“
„Umso mehr habe ich nun was gut zu machen. Wann hast Du Enzo eigentlich das erste Mal…ich meine, wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?“
„Oh, das ist schon lange her. Ich war damals sehr einsam.“
„Willst Du mir es nicht erzählen?“, fragte ich offenherzig.
„Ach…ich traf Enzo in einer sehr traurigen Phase meines Lebens. Es war eine Woche nachdem meine Mutter gestorben war. Ich hatte meinen siebten Geburtstag, aber niemand hat sich um mich gekümmert. Tanja musste sich nun um alles kümmern. Ich konnte es ihr und allen anderen nicht verübeln. Ich hätte meinen Geburtstag fast selbst vergessen und war darüber nicht betrübt. Ich dachte nur an meine Mutter. Deswegen machte ich mir selbst einen kleinen Kuchen aus Schokolade. Als ich fertig war, blies ich die Kerze aus und hatte mir vorher gewünscht, dass da oben im Himmel jemand ist, der auf meine Mama aufpassen würde. Da kam er plötzlich von hinten und sprach mich das erste Mal an: ‚Mach Dir keine Sorgen, kleines Mädchen‘ sagte er. ‚Deine Mama ist ganz nah bei Dir und passt immer noch auf Dich auf. Auch wenn Du sie nicht sehen kannst.‘ War es nicht so, Enzo?“ Sie wand sich zur Seite stupste wohl ihren Begleiter neckisch an, doch mich ergriff ihr Schicksal.
„Dein Vater war da bereits tot?“
„Ja, an ihn kann ich mich gar nicht mehr so recht erinnern. Von seinem Gesicht habe ich nur ein verblasstes Bild im Kopf und sein Name war, glaube ich, Trinknichtsoviel…zumindest hat unsere Mutter ihn ständig so genannt. Ich war drei Jahre alt, als er starb. Und nach dem Tod unserer Mutter hat meine Schwester sich alleine um mich gekümmert. Das hat sie schon seit jeher, selbst als meine Mutter noch da war.“
„Sie ist fünfzehn Jahre älter als Du. Das ist schon ein großer Altersunterschied. Da übernimmt man auch viel Verantwortung“, versicherte ich ihr.
„Sie hatte mit unserem Vater immer richtig starke Probleme. Er war ihr und meiner Mutter gegenüber wohl gewalttätig und kam deswegen irgendwann ins Gefängnis, wo er in Folge einer Messerstecherei starb. Daraufhin fing unsere Mutter mit dem Trinken an; was sie dann schließlich auch zu Grunde gerichtet hat. Aber ich glaube, in Wahrheit starb sie an gebrochenem Herzen. Da hatte ich nur Tanja, aber sie war ja selbst gerade erst 21 Jahre alt. Natürlich war sie für mich da, aber sie hätte niemals eine Mutter ersetzen können. Und ich konnte in ihr nur bedingt einen Beschützer sehen. Doch dann kam Enzo…versteh mich bitte nicht falsch; ich bin Tanja bis heute sehr dankbar, was sie alles für mich getan hat, aber es ist…“ Hier brach sie abrupt ab.
„Ist nur was?“ harkte ich nach, ohne dabei aufdringlich zu wirken.
„Nun, ich will nicht mehr länger an ihrem Tropf hängen. Die Reise nach Brasilien war ein erster Schritt für meine Selbstentfaltung. Da fällt mir gerade Dein Witz ein: Warum bringt es nichts, Medikamente nach Uganda zu schicken?“
Ausgerechnet das hatte sie nicht vergessen. Ich stellte mich dumm…es sollte jemanden wie mir aber nicht gelingen.
„Hmm, was?“, fragte ich.
„Der Witz“, wiederholte sie. „Ich warte noch immer auf die Pointe, die Herr Hartl erwähnt hatte. Warum bringt es nichts, Medikamente überhaupt nach Uganda zu senden?“
„Oh…oh, nein, lieber nicht. Der ist etwas…naja…“, sagte ich. Denn dieser Kalauer war äußerst rassistisch. Aber sie ließ nicht locker.
„Doch, komm. Du machst es nur noch spannender!“
„Na, schön. Weil auf der Verpackungsanweisung steht ‚Immer nach dem Essen einnehmen’“, antwortete ich. Ein kurzes Schweigen trat ein, doch dann zogen Cocos Mundwinkel sich langsam quer nach oben und ein herzhaftes Grinsen entfaltete sich in ihrem Gesicht. Ihre Zahnspange glänzte wie frisch poliertes Tafelsilber. Nun musste auch ich lachen.
„…Also…das ist eigentlich nicht lustig…“, sagte sie, aber schmunzelte weiter.
„Es ist böse…“ erwiderte ich und lachte mit.
„Das ist es…“
„Also…nächste Woche ins Metropolkino?“ fragte ich.
Und Coco nickte.<<