Filmkritik: „Der Hobbit“

von Gordon Worthmann

Mit „Die Schlacht der Fünf Heere“ wird die Brücke zum Herrn der Ringe geschlagen. Wie behaupten sich die Hobbit-Filme gegenüber den Ring-Filmen, und wie geht es mit der Mittelerde-Saga weiter? Das erfahrt ihr hier.

Wie groß wurden einem doch die Augen, wie weit klaffte der Mund auf beim ersten Anblick zum Auftakt der Fantasytrilogie „Der Herr der Ringe“. Die Saga bescherte dem Begriff ‚episch‘ eine völlig neue Definition und ließ erahnen, wie die Kinogänger sich damals 1977 in „Star Wars“ gefühlt haben mussten, als der erste Sternenzerstörer über die Leinwand sauste. Und genau wie in der Sternensaga sollte auch Mittelerde ein Prequel erhalten, dass die Vorgeschichte der Helden erzählt. Immerhin hatte der Autor J.R.R.Tolkien „Der Herr der Ringe“ zunächst als reine Fortsetzung zu „Der kleine Hobbit“ geplant, welches wiederum zunächst als Kinderbuch konzipiert war. War es nun Regisseur Peter Jackson oder die großen Hollywoodstudios, die aus der schmalen Novelle ebenfalls eine breite Prequeltrilogie stampfen wollten? Man weiß es nicht. Aber es wurde laut geklönt, dass dieser Schritt nicht aus Profitgier entstanden sei, sondern lediglich um der Vorlage gerecht zu werden. Wie wir alle wissen, ist die neuere Prequel-Trilogie zu „Star Wars“ zwar eine nette Ergänzung zur fantastischen Mythologie, aber im Vergleich zum Original doch nur Bantha-Futter. Nun ist aber auch der letzte Hobbit-Teil erschienen und der Dreiteiler vollzählig. Hat die Aufstückelung der filmischen Erzählung nun geholfen? Und hat Peter Jackson es verstanden, in seiner Vorgeschichte jene Fehler zu umgehen, wie sie sein Kollege George Lucas mit den Jedi-Rittern in Episode I – III einst begangen hat? Zu beiden kann man nun glasklar antworten: NEIN!

Natürlich muss man erwähnen: Die Hobbit-Filme sind nicht schlecht und zum Teil sogar recht unterhaltsames Popcornkino. Richtig schlecht ist die erste Realverfilmung vom Hobbit, die 1985 in der Sowjetunion fürs russische Fernsehen entstand (siehe Bild). Aber im direkten Vergleich zum „Herr der Ringe“ stinken sie doch sehr ab. Und das lag nicht an der literarischen Vorlage, sondern weil die Filme viel zu sehr nach 08/15-Blockbusterkino geraten sind. Schon bei den Vorbereitungen kam es unter den Studios zum Futterneid, wobei einer der Produzenten Peter Jackson als „habgierig“ bezeichnete und man erst aufgrund von Fanprotesten wieder in Neuseeland drehen ließ – statt wie zuerst geplant in Osteuropa! Hatten die Miramax-Studios einst noch die Filmrechte zu „Herr der Ringe“ an NewLine-Cinema abgetreten, weil sie nur zwei Filme produzieren wollten, so konnte es beim „Hobbit“ nun nicht genug Filme geben. Immerhin gab es knapp drei Milliarden Argumente, die für die Dreiteilung des Büchleins sprachen; so viel haben die Filme nämlich mittlerweile an den Kinokassen eingespült. Und wo ist man da der Vorlage gerecht geworden? Viele Ansätze wurden einfach ausgelassen, dafür völlig unnötig neu und frei erfundene Erzählstränge eingebaut, die im Kinosessel dann sogar manchmal unfreiwillig komisch bis kitschig wirkten. Hätte man die Bandbreite nicht nutzen sollen, um die Spannung und die Charaktere aufzubauen? Für diejenigen, die das Buch nicht gelesen haben – können diese überhaupt einen der Zwerge (außer dem Anführer) personifizieren? Keiner von Bilbos Gefährten erhielt eine Einleitung, manch ein Zwerg hat in allen drei Filmen nicht mal einen Satz gesagt, sondern ist einfach nur mitgetrottet und blieb völlig profillos. Im Gegenzug dafür jede Menge Action vom Fließband; von den künstlich herbeigerufenen Showdowns gar nicht erst zu sprechen. Und ähnlich wie bei den neuen Star Wars-Filmen viel zu viel CGI-Effekte. Klar, „Herr der Ringe“ bot auch jede Menge Special Effects, aber dort hat man versucht, so viel wie möglich nachzubauen oder mit Schauspielern zu verwirklichen. Erst da wo es gar nicht mehr ging – wie bei den Massenschlachten – griff man auf den PC zurück. Beim Hobbit hätte Peter Jackson sogar nach eigener Aussage fast alles am Rechner gemacht. Als Beispiel seien die Orks genannt. In den Ringfilmen furchterregende Monster, sind es hier nur noch Pixel-Polygone, die sich scheinbar auch noch mit Lichtgeschwindigkeit (Star Wars lässt wieder grüßen) von einem Punkt in Mittelerde zum nächsten bewegen können – während unsere Heldentruppe den gleichen Weg mühsam und mit allerlei Gefahren beschreiten muss. Dazu kann gesagt werden, dass auch hier vorher die Orks von gut geschminkten und verkleideten Stuntmen gemimt wurden. Allerdings überwarf der ursprüngliche Regisseur Guillermo del Toro sich mit den Produzenten und so wurde schließlich wieder Peter Jackson von der originalen Ringtrilogie an Bord geholt. Dieser fand, dass die bis dahin digitalisierten Orks zu unecht aussahen gegenüber den ‚realen‘ Orks. Aha! Folge: Auch die menschlichen Schauspieler wurden durch animierte Gnome ersetzt – überpinselt, wenn man so will. Was bei der Figur des Gollum noch gut gelungen ist, ist hier durch den inflationären und flüchtigen Einsatz der Technik eine Vergewaltigung unserer Augen. Aus der Konsequenz ergeben sich nämlich völlig plastische Kämpfe bei denen sogar Helden wie Legolas manchmal nicht etwa durch einen Stuntman, sondern durch einen CGI-Elben ersetzt worden sind. Überhaupt springt hier der arische Über-Elbenkrieger in den Hobbit-Filmen herum, als hätte er sich aus „Assassin’s Creed“ hierhin verirrt.

Erst mit der Besetzung durch Jackson als Regisseur wurden drei Hobbit-Filme angepeilt. Unter del Toro waren es immerhin ’nur‘ zwei Filme. Diese nachträgliche Streckung und Aufteilung der Vorlage hatte starke negative Auswirkungen auf den Handlungsaufbau sowie die Schnittfolge. Und es erklärt auch die wirklich schlechten Cliffhanger am Ende von „Eine unerwartete Reise“ und „Smaugs Einöde“, die wohl nicht im Drehbuch, sondern erst in der Postproduktion ausbaldowert wurden. Als es noch zwei Hobbit-Filme geben sollte, war der eigentliche Höhepunkt des ersten Teils die Flucht aus dem Schloss der Waldelben. Diese Szene ist nun in der Mitte des Mittelteils der nachträglich generierten Trilogie zu sehen. Was den dritten Part „Die Schlacht der fünf Heere“ als Einzelfilm betrifft, so ist allein der Beginn eine Beleidigung. Der angeblich so gefährliche Drache Smaug (welcher einst das ganze Zwergenkönigreich Erebor vernichtet hat, aber kurz darauf von Thorins kleiner Truppe durch simple Tricks a la ‚Tom & Jerry‘ in Schach gehalten werden konnte) segnet schon nach fünf Minuten das Zeitliche. Hätte diese Szene nicht viel besser als Finale zum Ende des zweiten Teils hergehalten? Aber nein, lieber einen Cliffhanger, damit die Menschen sich auch schön den nächsten Filmabstecher reinpfeiffen. Unter dem Kinopublikum war über den frühen Tod von Smaug schon eine enttäuschte Verwunderung nicht zu überhören gewesen. „Wie? Und das war’s jetzt?“, raunten da einige. Natürlich war es das nicht, denn schließlich kam ja noch die titelgebende Schlacht, welche einen aber – trotz ihrer Länge – ebenso ratlos zurückließ. „Wie? Und das war’s jetzt?“, fragten wieder einige Zuschauer. Richtig, denn irgendwie wurde nicht wirklich erklärt, wie die freien Völker Mittelerdes das Blatt wenden und die Schlacht gewinnen konnten. Ein paar Adler werfen einen Bär wie eine Bombe über Herrscharren von Orks ab. Hat dies die Wende im archaischen Kampf Gut gegen Böse gebracht? Mag sein, dass der böse Anführer Azog – der ohnehin weit ab seiner Truppen auf einem Berg (über dem schlechten Drehbuch) vor sich hinbrütete – getötet wurde, aber das erklärt nicht wo die Abertausenden von Kriegern plötzlich abgeblieben sind?

Was für ein Pfeifenkraut hat Peter Jackson denn da am Drehset wohl geraucht? Wieso hat der Mann, der noch mit der ersten Mittelerde-Verfilmung einen wahren Meilenstein hingelegt hat und zugleich dem Buch treu geblieben ist, sich nun so gewandelt? Haben die Studiobosse ihn womöglich (wie George Lucas) einer Gehirnwäsche unterzogen, oder vielleicht mit einem Hexenbann aus Minas Morgul hypnotisiert? Auf manche Fragen wird die Menschheit wohl nie eine Antwort finden, aber sicher auf jene, ob der Hobbit ebenso enttäuschend für uns gewesen wäre, wenn er vor den Ring-Filmen erschienen wäre? Vielleicht nicht ganz, aber auch die steile Vorlage kann nicht die dramaturgischen Schwächen entschuldigen. Abwarten, denn Gerüchten zu Folge, planen die Studios bereits die Umsetzung von Tolkiens letztem Werk, der Mittelerde-Bibel „Silmarillion“. Ganz abwegig wäre es nicht – immerhin erwartet uns ja auch eine nunmehr dritte Star Wars-Trilogie. Doch der Rechteinhaber, Tolkiens Sohn Christopher, sträubt sich bisher gegen eine Freigabe. Begründung: Der Kommerz um die Hobbitfilme wäre nicht im Sinne seines Vaters gewesen – immerhin hatte dieser einst testamentarisch verbieten lassen, dass sein Nachlass nicht von Disney verfilmt wird. Doch Christopher Tolkien ist im November immerhin schon 90 Jahre alt geworden und die Produzenten wissen, wenn der Rechteinhaber stirbt, sind zumeist alle Wetten wieder offen. Daher lauern sie aufs „Silmarillion“ wie Gollum auf seinen Schatz.

hobbit

Bilbo trifft auf Gollum in der ersten Verfilmung aus der UdSSR 1985