Geschichten aus der Matratzengruft: Januar

von Heinrich Heine

Auch in dieser und an dieser Ausgabe hat Harry wieder einiges zu beanstanden. Wenigstens zeigt er sich diesmal versöhnlicher…vor allem, weil es ihm ums Geld geht.

Meine Launen sind unstet wie das Wetter in den Bergen. Ohne Übergang wechsele ich von Heiterkeit zu Wut. Wie soll es mir auch anders ergehen, wenn ich vor mich hin roste wie ein altes Uhrwerk? Ich war nie ein Befürworter der Campus Delicti, doch mittlerweile gibt es einige, die fordern, dass diese bourgeoisen Textphrasen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden sollen. Als „sexistisch, rassistisch und diskriminierend“ für die Augen der Leserschaft, moniert dort jemand. Andere echauffieren sich über den zügellosen „Exhibitionismus“ und die „Verbreitung von Gewalttriggern“…was auch immer das bedeuten mag, aber es klingt sehr negativ.

Aber wo Bücher brennen, dort brennen am Ende auch Menschen. Natürlich, zunächst war auch ich erzürnt über das Bild, welches ihr – meine treue Leserschaft – hier als Schlagzeile über den Text begutachten könnt. Da wird ein Genius wie ich dazu instrumentalisiert, um die Aufmerksamkeit der Leserschaft mit einem obszönen Bild festzuhalten. Zunächst war ich für die Vorschläge offen, dass man das Bild umpinselt und mich in einer vertiefenden Haltung dabei offenbart, wie ich mich in eine Lektüre vertiefe. Freilich hat sich dann sogleich aber die Minderheit der Analphabeten zum Protest gemeldet, weswegen auch dieses Angebot genauso so rasch verurteilt wurde, wie einst die Proklamation der Menschenrechte vom Vatikan. Wie kann man all diese Schmähschreiber besänftigen? Sie nennen sich Vertreter des Volkes, sind aber Vertreter des Dolches. Sie stehen angeblich für Toleranz, aber schauen aus wie ein Haufen schäumender Jakobiner, die mit ihren gen Himmel gereckten Mistforkeln alles gleich stampfen wollen und jeden als Kulturvandalen bezeichnen, der nicht ihrer Meinung ist. Wie nennt man nochmal jemanden, der jeden als Feind sieht, der nicht seiner Meinung ist? Es möge dabei keine Rolle spielen, ob man für die richtigen Werte eintritt, denn wer dünkt nicht, dass seine Werte rechtens seien? Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass eine vermeintlich gut durchdachte Idee sich zu einer Ideologie aufschwingt und sich in ihr morbides Gegenteil wandelt. Als Beispiel nehme ich das Kapital, der wirklichen Geisel der Menschheit. Friedrich Engels hatte mir zum Beispiel in einer privaten Unterredung mal mitgeteilt, dass er schon als Bube ganz stolz auf seinen ersten majestätischen Bartwuchs war, aber dann hatte sich im Nachhinein herausgestellt, dass es gar keine Haare, sondern nur das Gras vom Heckenschneiden war. Was das mit meiner Argumentation zutun hat? Eigentlich nichts, aber ich wollte diese skurrile Geschichte schon lange mal hier niederschreiben. Aber zurück zum Kapital.

Genau wie das großbürgerliche Protzentum, so war auch die Wirtschaft einst für die Menschen da. Heute wissen wir, dass es genau umgekehrt der Fall ist. Ich weiß, wovon ich rede. Nicht nur, dass ich früher zur Zeit der Industrialisierung Ausbeutung mit meinen eigenen Augen sehen musste, auch ich bin Opfer eines friderizianischen Vabanquespiels geworden. So musste ich bei meinem jüngsten Besuch im Heinrich-Heine-Haus feststellen, dass die Verlage nach meinem Tod mehr Geld unter dem Namen Harry erwirtschaftet haben, als der erste Homo erectus, der seiner Zeit das Rad erfunden hat. Ich habe mich jedenfalls bei den Verlegern gemeldet und einen dieser modernen Fernsprechapparate dafür genutzt. Auf der anderen Seite sprach ich mit einer Frau, die fragte, was sie denn für mich tun könnte. Ich erwiderte, dass ich gerne mein Geld haben würde. Sie lachte zunächst und lamentierte, dass sie Verständnis für diese Sorge habe, aber mir nicht helfen könne. Ich hätte mich verwählt (?) und solle meine Bank oder meinen Chef kontaktieren. Ich antwortete, dass ich Heinrich Heine sei und auf der Stelle meinen Salär einfordern wolle. Daraufhin war die Stimme der Frau nicht mehr zu vernehmen, wohl aber ein ominöses ‚Tuuut‘-Geräusch, welches wahrlich keinen harmonischen Klang abwarf. Ich habe die Anschrift der sogenannten Rechteinhaber meiner Werke ausfindig gemacht und werde bald mit ihnen in Kontakt treten, aber für das Erste bin ich immer noch genauso vermögend wie Martin Behaim mit seinem ersten bananenförmigen Model vom Globus.

Doch wie heißt es so schön: De omnibus dubitandum – an Allem ist zu zweifeln. Kritische Fragen und Querdenkertum sind lobenswerte Eigenschaften, doch ab wann ist man noch ein Querdenker und ab wann schon ein Querulant? Ich glaube, diesen schmalen Grad haben einige noch nicht ganz verstanden und sehen nicht, dass sie in ihrem Tun und Schaffen damit eigentlich ihren guten Ansätzen schaden. Denn wer möchte schon einem Klub angehören, der solche Epigonen als Mitglieder beherbergt? Aber sehet meine Schriften und fragt euch, ob es nichts Wichtigers gibt, wie den Hunger in der Welt oder ein Zustrom von Flüchtlingen aus durch Krieg verwüsteten Ländereien. Zu meiner Zeit gab es in Deutschland beides. Krieg und Hunger, weswegen Deutschland ein Auswanderungsland war. Ich selbst stahl mich einst nach Paris um der preußischen Lynchjustiz zu entkommen, ich war für die Franzosen ein Einwanderer und Emigrant, und war überrascht von ihrer Gastfreundlichkeit. Doch dass auch Deutschland ein Auswanderungsland war, scheinen vielen Menschen bereits vergessen zu haben. Und würde jemand heutzutage einen Bart wie Friedrich Engels tragen, so würde er gleich gefragt werden, ob er Salafist sei. Wie ein kalter Schauer beschleicht mich daher das Gefühl, dass die meisten Pennäler gar nicht wissen, mit welcher plebejischen Schnoddrigkeit sie überhaupt geschlagen sind. Da grämt einen schnell die monotome Enge und Engstirnigkeit, und wo andere Menschen für Freiheit, Frieden und Brot auf die Straße gehen müssen, ist das Echauffieren über die zu fetthaltige Magarine doch auch ein beliebter Zeitvertreib.

Jeder findet eine artistische Form der Lebens, die er verabscheut, welche von anderen wiederum angebetet wird wie Baal. Euer viel gepriesener Joseph Beuys z.B. hat mal fünf Kilo Butter an die Decke seines Büros geschmiert und behauptet es sei Kunst. Als ich ein Kind war, meine Mutter in meiner Tasche einen verfaulten Apfel gefunden hatte und ich erwiderte: „Frau Mutter, dies ist Kunst!“, habe ich mir so eine Klatsche eingefangen, dass mein Antlitz sich anfühlte, als sei die ganze hessische Kavallerie darüber hinweg geritten. Ihre Tat ging dem Gedanken sprichwörtlich so voraus wie der Blitz dem Donner. So ist es nun einmal mit der Wahrnehmung. Aber ist dies gleich ein Grund, deswegen den Kopf des Urhebers einzufordern? Wenn alle Konvolute bald nur noch der politisch korrekten Meinungsdiktatur anheim fallen, dann seid ihr wieder genau dort, wie es einst bei mir angefangen hat – bei den Karlsbadern Beschlüssen. Und langweilig wird es obendrein auch, wenn die Satire nicht mehr über jemanden scherzen darf. Über was soll man dann im Leben noch lachen? Späße über Bäume womöglich? Ich hab mich erkundigt und in eurer neuen Wissenschaftsliteratur wird bestätigt, dass auch Bäume Lebewesen sind und Gefühle haben. Und um die Gefühle von Bäumen nicht mehr zu verletzen, haben sich einige Freidenker in einem Zirkel zusammengeschlossen und wollen durchsetzen, dass Bäume nicht mehr ihren von Menschenhand verliehenen Sklaventitel „Bäume“ tragen, sondern in Zukunft nur noch als „biologisch heranwachsendes, raumübergreifendes Großgrüngewächs mit angegliederter Spontanvegetation“ betitelt werden sollen. Wenn ihr euch in diesem Tempo weiterhin über solche Glaubensfragen an die Gurgel geht, dann müsste bereits die ganze Welt in Flammen stehen, wegen dem von euch so hoch angepriesenem Medium, dem Fernsehen! Es geht doch nichts über einen Anachronismus.

Damit meine Worte nicht falsch verstanden sein mögen. Ich bin kein Befürworter der Campus Delicti. Ich hoffe nicht, dass sie Absätze in meiner Kolumne schwärzen, aber wenn ich etwas ganz persönlich an den Redakteuren auszusetzen habe, dann dass sie allesamt ein Haufen XXX XXXXX XXXXXXXX XXX XXXXXXXXX XXXXXXXXX XXX XXXXX XXXXX XXXXX XXXXXX sind, die XXXXX XXXXXX XXXXXX XXXXX XXX XXXXX XXXXXX XXXX Ich bitte um Verzeihung, aber das musste ich nochmal klarstellen. Und dennoch ist die Presse- und Meinungsfreiheit ein zu hohes Gut, als dass wir es an Quacksalber verhökern dürfen, die uns erzählen wollen, dass sie auf dem Markt der Eitelkeiten ein Monopol auf die Wahrheit gepachtet hätten. Niemand hat das Recht, anderen einzuimpfen, was sie für richtig zu halten haben und was nicht – ganz gleich wie nobel die Absichten des Absenders auch sein mögen. Man kann von niemanden verlangen, seines Bruders Hüters zu sein, aber ist es denn zu viel erwünscht, wenn man wenigstens nicht seines Bruders Henker ist? Unsere Gedanken sind jedenfalls das einzige Paradies, aus dem man uns nicht vertreiben darf – nicht vertreiben kann – nicht vertreiben wird. In diesem Sinne

Adé

Euer Harry