Filmbörse: Ein Paradies für Quentin Tarantino

von Gordon Worthmann

Die große Filmbörse in Neuss hat mal wieder gezeigt, dass Veranstaltungen dieser Art nicht nur ein Sammelpunkt für Nerds und Geeks sind, sondern auch die beste Chance bieten, seltene Raritäten und schon fast unmoralisch billige Schnäppchen zu ergattern.

Wenn es tatsächlich einen Himmel für ausgestorbene Spezies gibt, dann könnte der Tyrannosaurus Rex vermutlich in nicht all zu ferner Zukunft Gesellschaft bekommen – und zwar von der Plattenindustrie. In Zeiten von illegalen Downloads, Online-Tauschbörsen und Streaming-Kanälen stöhnen die Labels ja gebetsmühlenartig über das scheinbar komplette Hinwegbrechen ihrer Käuferkreise. Wer gibt denn heutzutage noch Geld für eine DVD oder eine CD aus, sofern es nicht der Lieblingssong bzw. –film ist? Nur die sammellustigen Freaks retten die Kapitalisten noch davor, auf dem Amt stempeln zu gehen. Doch auch hier stößt das System schnell an seine Grenzen, denn wer eine Filmsammlung ab tausend DVDs und Blu-rays aufwärts sein Eigen nennen kann, der wird (bis auf ein paar Neuerscheinungen) Media-Markt und Saturn schnell als abgeerntet betrachten. Da werden die großen Geschäfte schnell mit dem unschönen Wort Mainstream etikettiert. Ich selbst habe mir schon oft genug gedacht, dass ich es bei meinem üppigen Bestand mit so mancher Videothek aufnehmen könnte.

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Doch für all diese verrückten Cineasten gibt es vier Mal im Jahr die Neusser Filmbörse an der Wetthalle der Pferderennbahn. Hier schlägt nicht nur jedes Sammlerherz höher, sondern hier können auch die normal-sterblichen Konsumenten richtige Schnäppchen ergattern – und selbst die günstigen Preise lassen sich nochmal runter handeln. Ich selbst habe vor etwa sechs Jahren mit der Sammelleidenschaft angefangen und bin in das Hobby irgendwie rein gerutscht. Klar, jeder guckt gern mal Filme, aber zum eigentlichen Fulltime-Fan des ganzen Mediums kam es, als ich mir damals zunächst einen neuen Fernseher inklusive Dolby-Surround-Anlage zugelegt hatte. Da dachte ich mir, dass ich mir zumindest meine Lieblingsfilme sowie ein paar Klassiker zulege – einfach nur um mich komplett zu fühlen. Damals sollten 50 DVDs das absolute Limit sein, aber schon kamen die ersten Nörglerfreunde und monierten „Was ist denn das für eine Kollektion? Du hast ja nicht mal ‚Der Pate’!“ Also legte ich mir die Mafia-Trilogie zu. „Du hast nicht ‚Rocky’? Schande über Dich!“ So kaufte ich mir alle sechs Streifen der Boxer-Reihe. „Nette Sammlung. Aber ich sehe ‚Ben Hur’ nirgends?“ Und so ging es weiter und weiter bis ich voll in der Sucht drin war. Heute besitze ich eine Sammlung im vierstelligen Bereich, führe eine Access-Datenbank darüber und habe Schwierigkeiten das Ganze logistisch unter zu bringen. Dennoch will ich mir die Filmbörse nicht entgehen lassen, auch wenn nicht wenige Besucher sich benehmen, als seien sie glatt aus „The Big Bang Theory“ entsprungen. Man darf sich nicht wundern, wenn einige Gäste verkleidet als Mr. Spock oder Michael Myers rumlaufen.

Neben zehntausenden von DVDs, Blu-rays und VHS gibt es auch Soundtrack-CDs, Filmposter und sehr, sehr viel Merchandising für die absoluten Freaks unter den Freaks. Auch Autogrammkarten, Filmkostüme und – naja, nennen wir es beim Namen – anderen Kitsch gibt es auch zu erwerben. Für die Geeks ist die Tauschbörse wohl am lohnenswertesten, weil hier auch ein leichter Schwerpunkt auf indizierter Ware – namentlich brutale Slasher-, Pulp- und Blaxploitationfilme – vorliegt. Offiziell verbotene Filme wie das Schundwerk „Cannibal Holocaust“ gibt es hier gleich mehrmals in der wirklich absolut ungeschnittenen Fassungen. Oft dürfen diese auch deswegen nicht im offenen Handel vertrieben werden, weil es sich um sogenannte Bootlegs handelt, also um inoffizielle Erscheinungen. Ursprünglich waren damit heimliche Tonaufzeichnungen von Konzerten gemeint; heute schnibbeln Cutter hinter den Drehkulissen tatsächlich eine ‚unrated version‘ eines Films und schleusen damit eine erweiterte Schwarzpressung in die Außenwelt, die so fürs Publikum eigentlich nicht vorgesehen war, und damit eben eine enorme Faszination unter Filmsammlern ausübt. Meistens handelt es sich dabei um überaus brutale Szenen, die sonst selbst in einer FSK-18-Freigabe der Schere zum Opfer fallen würden. So kursiert bis heute eine überlange Fassung von „From Dusk till Dawn“ über die Flohmärkte, in der viele verloren geglaubte Metzelszenen einkopiert wurden – allerdings in äußerst schludriger Qualität.

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Hat endlich einen Besitzer gefunden: Die Alfred Hitchcock-Collection

Aber auch von vielen edlen Werken findet man auf dem Markt seltene Ausgaben und Raritäten. Was die Filmbörse aber wirklich interessant macht, ist der direkte Kontakt zu den Händlern selbst, die bei weitem mehr Ahnung haben als der gelangweilte Videothekar hinterm Tresen. Hier werden Geschäfte noch per Handschlag getätigt und obendrein richtig lukrative. So bin ich in den Besitz der limitieren Alfred Hitchcock-Blu-ray-Collection gekommen, die es auf Amazon zu diesem Zeitpunkt nur noch 15 Mal und ab 120€ gab. Hier in Neuss zahlte ich 70 Steine dafür und bekam eine original verpackte, makellose Vitrine in der die größten Perlen vom Altmeister enthalten sind, wie „Vertigo“, „Psycho“, „Die Vögel“ oder „Der unsichtbare Dritte“ u.v.m. Jede Disk ist dabei in einer separaten Filmrolle eingebettet, wie sie einst in alte Kinoprojektoren gespannt wurden. Bei der letzten Veranstaltung hatte ich mir die ungekürzte Nightmare-Box mit allen sieben Freddy Krueger-Filmen für 20€ zugelegt. Nun wird sie hier sogar schon für 15€ angeboten. Ein befreundetes Pärchen von mir kam zum ersten Mal mit und war ebenfalls über die kulanten Preise und riesige Bandbreite erstaunt. Ihre Ausbeute: Die komplette Harry Potter-Filmbox, die Twilight-Saga, alle Asterix-Zeichentrickfilme im Schuber, sowie drei Einzelfilme. Da sie die auch noch beim selben Händler erstanden haben, konnten sie abrunden auf gesamt 80€. Da stört es eigentlich niemanden, dass man für die Börse 5 Euro Eintritt zahlen muss. Und der nächste Termin steht schon fest: 8. März 2015 am gleichen Tatort.