„Es sind die Selbstvorwürfe, vor denen wir weglaufen“

Interview mit Dipl.-Psych. Angelika Wuttke 

Von Alina Konietzka

Seit 25 Jahren bietet die Diplom-Psychologin Angelika Wuttke die Psychologische Beratung an der Heinrich-Heine Universität an. In Einzel- oder Gruppengesprächen hilft sie Studierenden bei der Stressreduzierung und Bewältigung von Studienproblemen. Täglich begegnet sie den großen Problemen Studierender heute: Aufschieberitis und Prüfungsangst.

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Dipl.-Psych. Angelika Wuttke

CD: Frau Wuttke, mit welchen Problemen kommen die meisten Studierenden zu Ihnen?

Wuttke: Sehr viele kommen mit Leistungsproblemen und Prüfungsangst. Prokrastination (Aufschieberitis) ist momentan eines der häufigsten Themen. Einige Studierende kommen aber auch mit Themen wie Trauer und Einsamkeit, was sich im Umkehrschluss auch wieder auf die Leistung auswirken kann.

CD: Sehen Sie eine Art Entwicklung in den Problemen, mit denen Studierende zu Ihnen kommen?

Wuttke: Früher, als man noch so lange studieren konnte wie man wollte, war das Aufschieben weniger das Problem. Generell gibt es die ersten Untersuchungen zur Prokrastination seit den 70er Jahren, in den 90ern wurden die ersten Artikel auch im Deutschen darüber verfasst. Es ist also noch ein relativ junges Thema. Mittlerweile ist das Problem soweit bekannt, dass wir bereits zum dritten Mal „die Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ veranstalten.

CD: Die Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten – das klingt interessant…

Wuttke: Ja, dieses Angebot wird mit großem Interesse angenommen. Die nächste Nacht findet am Donnerstag, dem 5. März 2015, statt – von 18 bis 23 Uhr in der ULB. Neben dem Schreiben bieten wir den ganzen Abend über Workshops, Vorträge und Einzelberatungen an. Die Atmosphäre ist dabei ganz besonders. Die Studierenden bekommen das Gefühl vermittelt, dass sie nicht allein mit ihrer aufgeschobenen Arbeit sind, und erhalten Anregungen, was man daran ändern kann.

CD: Etwas aufschieben kennt mit Sicherheit jeder. Aber wann wird es ernst?

Wuttke: Aufschieben müssen wir immer, wenn wir mehr als eine Sache gleichzeitig machen wollen. Normal ist, dass man sich entscheidet, das Wichtigste zuerst zu erledigen und das Unwichtige aufzuschieben. Problematisch wird es, wenn man anfängt, das Wichtigste aufzuschieben und das Unwichtige zuerst zu machen! Typisch sind die Geschichten, dass man lieber Fenster putzt oder dieses und jenes aufräumt, anstatt zu lernen. Aufgeschoben wird meist das, was schwierig oder langwierig ist, was man nicht in einem Rutsch und mit sichtbarem Erfolg erledigen kann. Ernst wird es, wenn man sich nicht fragt, was genau das Schwierige an der Aufgabe ist, sondern sie durch das Aufschieben einfach wegdrängt. Dann beginnt der Teufelskreis: Warum habe ich das nicht gestern schon erledigt? Wie soll ich das jetzt noch schaffen? Es sind die Selbstverwürfe, vor denen wir weglaufen.

CD: Was kann man gegen die Prokrastination tun?

Wuttke: Man muss ernst nehmen, dass ein Problem vorliegt. Viele sagen sich „Ach, so schlimm ist es nicht“, oder „Andere schaffen das doch auch“ – aber was Andere schaffen, nützt einem wenig. Erst, wenn man sich zugesteht, dass für einen selbst etwas an der Aufgabe schwierig ist, kann man sich Hilfe holen. Hier in der Psychologischen Beratung gucken wir, wo das Problem liegt, reflektieren den sehr persönlichen Grund des Aufschiebens, fassen ihn in Worte und schauen dann, was man dagegen tun kann. Die Lösungsstrategien können sehr unterschiedlich sein: Lernmethoden, Zeitmanagement, strikte Arbeitszeiten, Entspannungstechniken… Aber es gibt auch existenzielle Probleme, wodurch man sich einfach nicht konzentrieren kann. So ein leeres Blatt vor einem ist eine besondere Projektionsfläche – da kommt alles rein, was man sonst weggeschoben hat.

CD: Wie ist das mit der Prüfungsangst?

Wuttke: Angst ist immer ein Gefahrensignal und Angst kann man nicht wegtherapieren. Wenn Leute nachts aufwachen und daran denken, was sie noch alles machen müssen, oder wenn Leute alles hinwerfen wollen, weil sie glauben, es eh nicht zu schaffen, dann wird die Angst übermächtig. In diesen Fällen ist es wichtig zu verstehen, was die Angst eigentlich auslöst und worauf sie hinweist.

CD: Wenn man Angst nicht wegtherapieren kann, was kann man dann tun?

Wuttke: Ich frage immer zuerst: „Haben Sie genug gelernt?“ Denn wenn man selber nicht das Gefühl hat, die Prüfung schaffen zu können, dann hat die Prüfungsangst einfach Recht. Man muss so lernen, dass man das Gefühl bekommt, den Stoff zu können. Dazu gibt es viele Tipps – wie zum Beispiel frühzeitig strukturiert zu lernen, und zwar so, dass man auch ein halbes Jahr vor der Prüfung die Kapitel lernt, als wäre die Prüfung bereits morgen. Außerdem ist es gut, den Stoff jemandem zu erzählen. Es beruhigt einen selbst, wenn man sich bereits gezeigt hat, dass man es kann. Problematischer wird es, wenn sich die Angst nicht nur auf Prüfungen bezieht, sondern generell ausgelegt ist. Dann kommt man möglicherweise nicht um eine Therapie herum.

CD: Kamen auch schon Leute mit dem Thema Hirndoping zu Ihnen?

Wuttke: Nein. Aber das lässt sich leicht erklären: Entweder versucht man etwas an seinen Problemen zu tun, indem man etwas „einwirft“ oder indem man darüber spricht, es psychologisch angeht. Nimmt man Drogen, überspielt man das Problem, statt aktiv selbst etwas dagegen zu tun.

CD: Was würden Sie dann jemandem sagen, der mit Hirndoping zu Ihnen kommt?

Wuttke: Hirndoping scheint zwar kurzfristig das Problem zu lösen, verstärkt aber auf Dauer die „Ich kann es nicht selbst schaffen“-Mentalität und bringt einen in eine Situation, in der man sich umso ohnmächtiger fühlt. Die Psychologische Beratung ist keine Werkstatt, wo man sein Problem abgibt und dann repariert wieder abholt! Sondern es ist eine Anleitung zum Selber-Reparieren: Der erste Schritt ist die Frage, was denn das Problem ist – nicht als Vorwurf, sondern als interessierte Frage, weil ich als Beraterin davon ausgehe, dass es existiert und einen Sinn hat. Dass man ernst genommen wird in dem, was schwierig ist, ist ein wichtiger Aspekt in jeder psychologischen Beratung. Schon allein diese Haltung regt an, sich selber ernst zu nehmen und freundlicher und konstruktiver mit sich umzugehen.

CD: Frau Wuttke, vielen Dank für das Gespräch!

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