III.Buddy Holly und eine Dreiecksbeziehung

von Kurt Spindler

>> Manchmal hat man das Gefühl, einige Menschen seien schlicht aus der Zeit gefallen, und ich meine damit nicht David Hasselhoff. Ich meine damit, dass es Menschen gibt, die erwachsen werden und andere einfach nur älter. Vielleicht hätte ich daher auch Coco nicht zu viel versprechen sollen. Nicht etwa, dass das Metropolkino kleiner war als die großen Multiplex-Lichtspielhäuser. Nein, aber der Umstand, dass sie sich für diesen Abend erstmals richtig in Schale geworfen hatte, machte mich schon etwas mulmig. Auch wenn ich diesmal ernsthaft vorhatte ihr einen schönen Abend zu bereiten, so hoffte ich, dass sie diesmal Enzo ein wenig auf Abstand hielt. Doch versprochen ist versprochen, und so habe ich nicht nur uns beiden, sondern uns dreien – also auch Enzo – ein Ticket gekauft für den Film ‚Das Cabinet des Dr. Caligari‘. Obwohl es sich um die Wiederaufführung eines Stummfilms handelte, war der kleine Saal gut gefüllt. Als wir unsere Sitzreihe erreicht hatten, mussten wir jedoch feststellen, dass zwei Typen auf unseren Plätzen saßen.

„Entschuldigen Sie, aber ich glaube, dass sind unsere Plätze“ teilte ich den beiden reserviert mit. Wahrscheinlich nur ein Versehen, denn sie entschuldigten sich und rückten sogleich zwei Plätze weiter.
„Äh, Pardon. Wir sind zu Dritt. Könnten Sie noch einen Platz aufrücken?“ Die Kerle guckten mich schräg an.
„Sie sind nur zu zweit. Erwarten sie noch jemanden?“ fragte einer der Beiden.
„Wir sind vollzählig, danke“ antwortete Coco.
„Haben Sie diesen Platz auch wirklich reserviert?“ fragte der Typ und deutete auf den Sitz, wo er gerade Platz genommen hatte.
„Vielleicht haben wir diesen Platz auch eben nur deswegen reserviert, um nicht neben Leuten wie Ihnen sitzen zu müssen“ entgegnete ich barsch, weil ich keine Diskussion hier vor all den Leuten lostreten wollte.
„Schon gut, ich hab’s net bös‘ gemeint…“ sagte der Kerl, und er und sein Kumpel rückten noch einen weiter.
„Ich wollte hier auch nur unsere Jacken ablegen. Problem damit?“ schob ich noch nach, da fiel mir Coco ins Wort.
„Nicht, Ben! Da setzt sich doch Enzo hin!“
„Ah,ja…“ sagte ich zögernd und legte die Jacken wieder beiseite. Während nicht nur die beiden Typen, sondern auch einige andere Kinobesucher uns merkwürdig beäugten nahmen wir unbeeindruckt Platz. Der Sitz neben Coco blieb die ganze Vorführung über unbesetzt, was uns die beiden Kerle mit einem zynischen Seitenblick quittierten.
„Enzo, willst Du Popcorn?“ fragte Coco ein paar Mal während des Films und schwenkte ihre Tüte gegen den leeren Sitz neben ihr. Enzo schien wohl jedes Mal zu verneinen, denn sie zog das Popcorn kurz darauf wieder zurück und griff selbst beherzt zu. Da vibrierte plötzlich mein Handy. Es war wieder eine SMS von Tanja:

Nochmals danke, dass Du Dich weiterhin um meine Schwester kümmerst. Du tust mir damit einen großen Gefallen, weil sie sonst immer so alleine ist. Vielleicht kann ich mich irgendwann mal revanchieren, wenn wir uns wieder treffen 😉

Es war merkwürdig, aber hatte ich mich vorher über jedes Lebenszeichen von Cocos Schwester gefreut, so fühlte ich mich nun das erste Mal von ihrer Nachricht gestört, weswegen ich nur kurz zurückschrieb:
Keine Ursache. Das mit dem revanchieren klären wir ein anderes Mal unter vier Augen…

Gerade als ich die Mail gesendet hatte, stupste Coco mich vorsichtig an. Ich ließ das Handy schnell in meiner Tasche verschwinden und hoffte, dass sie nicht gesehen hat, was ich geschrieben hatte.
„Ich komm noch nicht ganz mit. Wer ist denn der Böse?“ fragte sie und meinte damit die Charaktere im Film.
„Ähm, es gibt nicht wirklich den Bösen in diesem Film. Es ist wie im echten Leben; niemand ist tief bösartig, obgleich jeder eine potenzielle Gefahr für seine Mitmenschen darstellt.“ Das war eine sehr beschönigende Umschreibung von mir. Um ehrlich zu sein, habe ich nämlich in Wirklichkeit das Gefühl, dass das Leben wie die Aussagen von diesem Dr. Bob aus dem Dschungelcamp sind. Am Anfang interessant, aber eigentlich hohl und es steckt nichts dahinter.
„Ich verstehe es trotzdem nicht so ganz“ sagte Coco.
„Wenn Du willst, können wir auch gehen und was anderes unternehmen“ bot ich ihr an. Sie überlegte kurz, doch dann rückte sie näher an mich heran.
„Nein. Hauptsache, Du bist bei mir“ flüsterte sie, „außerdem scheint Enzo der Film sehr gut zu gefallen.“
„Besser als ‚Ishtar‘, was? Auf jeden Fall hat er einen besseren Geschmack als Du…“ sagte ich, worauf mir Coco einen neckischen Schubser gab. Daraufhin sprachen wir kein Wort mehr während der Vorführung, sondern ließen uns von den monochromen Bildern berieseln wie ein Axtmörder von einer Packung Antidepressiva.

Nach dem Film kehrten wir noch in eine Cocktailbar in der Altstadt ein. Das Etablissement hörte auf den Namen ‚Creosote‘ und war entweder bewusst im Stil der trendigen 60er Jahre erhalten worden oder die Speisekarte hatte sich tatsächlich seitdem nicht mehr verändert. Die Wände waren in grellen Farben gehalten, das Licht flimmerte von den ovalen Schirmlampen so warm herab wie der Atem eines Hippies nach dem Woodstockfestival. Im Hintergrund dröhnte aus einer Juke-Box mit angegliederter Tanzfläche ‚Have you seen her‘ von den Chi-Lites, als ich gerade ein Glas puren Jägermeisters hob.
„Wusstest Du, dass bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland Jägermeister umgangssprachlich auch Göring-Schnaps genannt wurde?“ fragte ich Coco und fuhr fort ohne auf eine Antwort zu warten. „Dies ging auf Hermann Göring, den zweiten Mann im Dritten Reich zurück, der zu dieser Zeit auch das Amt des Reichsjägermeisters innehatte und selbst gerne einen über den Durst trank.“
„Nein, das wusste ich nicht“ entgegnete sie und schaute verträumt zu mir rüber.
„Und was willst Du das nächste Mal machen?“ fragte ich sie.
„Ich bin ja eher ein Fan von Musik statt von Filmen. Auf ein Konzert will ich mal gehen.“
„Das klingt als ob Du noch nie auf einem warst?“
„Es gibt vieles, dass ich nachholen muss. Meine Schwester musste früh arbeiten gehen und ich kam auf eine Förderschule; da war für solche Frivolitäten nie Zeit. Dafür habe ich viel getanzt.“
„Was ist denn Deine Lieblingsband?“ fragte ich.
„Öhm…ich glaube Queens of the Stoneage“ antwortete sie als gerade eine Kellnerin vorbei kam.
„Darf es noch was sein?“ fragte sie.
„Äh, ja, aber ich habe da eine Frage“ erwiderte Coco. „Auf der Karte stehen unter ‚Sex on the Beach‘ so andere Drinks wie ‚Safer Sex on the Beach‘. Was kann ich mir denn darunter vorstellen?“
„Oh, das ist dasselbe wie ‚Sex on the Beach‘ – nur ohne Alkohol. Eben ‚Safer Sex on the Beach‘.“
„Und die anderen Sorten?“ harkte Coco weiter nach.
„Oh, Sie meinen ‚Dirty Sex on the Shore‘, ‚Blowjob into the Sunset‘, ‚Gangbang in the Sea‘, ‚Hardcore with Captain Cooks Hard Cock‘, ‚What should we do with the drunken Bitch?‘ und ‚No questions, just suck my flipper, because I’m the little Mermaid‘?“ fragte die Kellnerin.
„Äh, ja genau. Aber ich glaube, wir vergessen das gleich lieber. Dann nehmen wir einfach nur einen ‚Screw Driver‘ und einen ‚Strawberry Colada‘.“
„Gut. Ich bekomme dann noch einen ‚Vodka-Soda‘. Aber ohne Soda, bitte. Ich trinke nichts, wo vorher Fische drin ficken…“ warf ich ein.
„Äh, also drei Getränke?“ fragte die Kellnerin.
„Ja. Dreimal, bitte“ wiederholte ich.
„Ok, kommt sofort“ sagte die Kellnerin, notierte sich alles und dackelte davon. Mittlerweile hatte die Musik in der Juke-Box gewechselt und klampfte ‚True Love Ways‘ von Buddy Holly.

„Hach, kennst Du das?“ fragte Coco.
„Du meinst dieses unbehagliche Gefühl, wenn Du glaubst, dass Dir die Kellner in die Tasse spucken?“
„Nein, der Song!“
„Was ist damit?“
„Das ist unser Lied, nicht?“
„Was?“ fragte ich irritiert.
„Enzo, das ist unser Lied!“
„’True Love Ways‘ ist euer Lied?“
„Ja! Der Song lief, als Enzo und ich das erste Mal miteinander gespielt haben. Seitdem ist es unser Lied“ erklärte Coco entzückt.
„Was hast Du denn mit ihm gespielt?“ fragte ich, denn diesmal war ich wirklich neugierig.
„Oh, ich war noch ein Kind, und ich wusste nicht über was ich mit ihm hätte reden sollen. Deswegen schlug er vor, dass wir uns gegenseitig vorstellen sollten. Und zwar sollten wir das tun, indem wir in Songtexten sprechen.“
„Du meinst, ihr habt euch in Songtexten unterhalten?“
„Ja, das macht voll Spaß. Pass auf: Ähm…hey, I just met you. And this is crazy, but here’s my number. So call me maybe…“ sagte sie taktvoll. Ich sprang mit auf.
„Oh, warte, das ist gut. Warte kurz, öhm, ah, ja: You drive me crazy, I just can’t sleep. I’m so excited, I’m in to deep. Ohh…crazy, but it feels alright. Baby, thinkin‘ of you keeps me up all night…“
That’s all I really want. Some fun. When the working day is done. Girls – they want to have fun. Oh girls, just wanna have fun“ summte Coco.
All I know is that to me, you look like you’re havin fun. Open your lovin arms, watch out, here I come. You spin me right ‚round, Baby, Right ‚round like a record, Baby. Right, ‚round, ‚round, ‚round…“ erwiderte ich und merkte nicht, wie die Kellnerin zurück gestöckelt kam.

„So. Wer bekommt jetzt was?“ fragte sie.
The winner takes it all…“ entgegnete ich ihr. Die Augen der Saftschubse verdrehten sich und schauten aus wie Bullaugen. Ich fiel wieder in meinen normalen Sprachduktus zurück. „Oh, ja natürlich. Sorry, ich wollte sagen, ich bekomme den ‚Vodka-Soda’“ sagte ich.
„Sie meinen den ohne Soda?“
„Ganz genau.“
„…der ‚Strawberry Colada‘ kommt zu mir und der ‚Screwdriver‘ geht an Enzo“ sagte Coco. Das aufgesetzte Lächeln der Kellnerin hing an einem seidenen Faden. Ich musste einschreiten.
„Stellen Sie einfach die Drinks auf den Tisch. Wir kümmern uns schon selbst um die Verteilung. Je eher Sie es tun, umso schneller kommen Sie aus dieser peinlichen Situation heraus.“
„Enzo sagt, Sie nehmen ihn nicht für voll“ entgegnete Coco der Kellnerin.
„Vielleicht weil ich nicht sternhagelvoll bin!“ antwortete die Kellnerin leicht giftig zurück.
„Stellen Sie die Gläser einfach dahin. Danke“ warf ich ein. Mit einem Seufzer knallte die Bedienung alle drei Gläser auf den Tisch und stampfte davon.
„Enzo sagt, er will seinen Cocktail jetzt nicht mehr. Er ist beleidigt“ monierte Coco. Wieder wechselte der Plattenspieler als jemand Geld in die Jukebox warf und ‚Little Willy‘ von The Sweet wählte. Cocos Laune schlug automatisch um.
„Oh, ja. Den Song liebe ich auch. Wollen wir tanzen?“ fragte sie mich konfrontierend. Ihr Grinsen war nun so breit, dass man auf ihren Zähnen hätte Klavier spielen können.
„Du willst tanzen?“ fragte ich als hätte ich mich verhört.
„Ja. Es war eines meiner wenigen Hobbys, die ich ausleben konnte.“
„Äh, nett, aber ich kann nicht tanzen.“
„Das ist kein Problem. Enzo zeigt’s Dir“ verkündete sie verheißungsvoll.
„Ohm, ich glaube, das ist keine so gute Idee.“
„Oh, bitte. Tanzen kann doch jeder. Du bewegst Dich einfach ziellos durch den Raum und machst Verrenkungen als würdest Du Flöhe im Anzug haben. Bitte…“ Hätte irgendein ein Mann solch eine liebe Bitte ablehnen können? Mir schwante Übles, aber ich hatte keine Wahl. So versetzt musste sich wohl auch einer meiner ehemaligen Kommilitonen einst gefühlt haben als sein Aufsatzthema darin bestand die Richtlinien und AGBs von Itunes, Facebook und Twitter miteinander zu vergleichen.
„Na, schön, von mir aus“ seufzte ich, stand auf und Coco führte mich zu der kleinen Tanzfläche hinter dem Tresen, wo die Jukebox stand. Ich dachte nun läuft sowas wie Discofox, aber es sollte anders kommen, denn Coco stellt sich hinter mich.
„Ähm, wie hast Du Dir das vorgestellt?“ fragte ich zurecht verunsichert.
„Keine Angst. Halt Dich einfach an Enzo und mach, was er macht“ erklärte sie mir. Ich sollte…? Ich schaute vor mir und blickte nur auf die nackte Wand – ein paar Meter vor mir – auf der ein Schild angebracht war, welches zu den Toiletten hinwies. Ich schaute ins Leere und mir wurde schwindelig, denn mir war klar, dass ich im Zuge war mich komplett und vor versammelter Mannschaft zu blamieren. Das letzte Mal als ich mich bis auf die Knochen blamiert hatte, war in der Schule als ich in einem Referat über die Steinzeit behauptet hatte, der Homo Erectus hat seinen Namen daher bekommen, weil er schwul war. Was sollte ich tun? Ich hatte noch nie getanzt!? Der Arm des Plattenspielers wechselte die Scheiben, jeden Moment würde es losgehen. In diesem Moment dachte ich nur noch daran, wie Forrest Gump loszurennen und nicht mehr aufzuhören – bloß weg von hier. Das konnte noch peinlicher werden als auf der französischen Filmausstellung… Da traf mich ein Gedanke plötzlich so unvorbereitet wie die Wiederholung deiner Lieblingskinderserie nach 20 Jahren im Free-TV. Ich dachte an die französische Filmausstellung und damit an den Nouvelle Vague-Klassiker ‚Bande à part‘. Dort legten die Protagonisten hintereinander auch einen Tanz im Cafe hin, einen improvisierten Madison. Es war keine Zeit mehr. Die Musik tönte auf; es handelte sich um ‚Knock on Wood‘ von Amii Stewart. Ich versuchte meine Verkrampftheit abzuschütteln und meine Beine zu elektrifizieren. Meine Hüften waren bis zum Zerreißen gespannt. Eins, zwei, drei, vier. Eins, zwei, drei, vier. Ich begann mit den Armen zu schlingern und warf einen Blick über meine Schulter und sah, dass Coco es mir gleich tat. Und mit jeden Hüftschwung merkte ich wie eine längst vergessene Jugend in meinen Körper zurückkehrte; eine Jugend, die ich bereits schon verloren geglaubt hatte. Meine Beine fingen an sich von ganz alleine zu bewegen und ich gab jeglichen Widerstand auf, ließ sie das machen, was sie wollten. Zackig wechselten sie auch schon den Rhythmus und ich hörte Coco heftigst lachen.
„Das ist aber nicht die Vorlage die Enzo Dir gegeben hat?“ jauchzte sie.
„Tja, ich dachte mir, nur wer seinen eigenen Weg geht, kann von niemanden überholt werden“ entgegnete ich und entlockte damit Coco ein Lächeln, dass so warm und angenehm war wie ein Sonnenstrahl.
„Aber Enzo gefällt Deine Art zu tanzen“ sagte sie erfreut.
„Mir gefällt’s auch. Kaum zu glauben. Hast Du…ich meine, habt ihr nächste Woche schon was vor?“ fragte ich und traute meinen eigenen Ohren zunächst nicht. Aber der Abend mit Coco im Kino und in der Bar hatte mir ernsthaft Spaß gemacht und der Gedanke an eine Neuauflage gefiel mir. So setzte ich den Startschuss für eine ganze Reihe von bunten Wochenenden. Jedes Mal klingelte ich bei ihr und holte sie freudestrahlend ab.

„Hey, ein Zirkus ist in der Stadt. Ich dachte mir, Du und Enzo wollt vielleicht mitkommen?“ fragte ich. Die Woche darauf ging es zur Kirmes. Und so klapperten wir eine Veranstaltung nach der anderen ab. Und ich musste mir eingestehen, dass ich mich wohl fühlte in Cocos Anwesenheit.
„Bock aufs Konzert von Lady Gaga? Nein, Spaß bei Seite; ich hab uns Karten für Nine Inch Nails, also für richtige Musik geholt!“ lockte ich sie an einem anderen Wochenende. Manchmal ging es auch ein wenig bärbeißiger zu.
„Beeilt euch, im Irish Pub ist der Zapfhahn außer Kontrolle, es gibt Freibier für alle!“
An selteneren Tagen auch ganz exotisch…
„Der geheime Bund der Freimaurer hat heute Tag der offenen Tür. Kommt! Vielleicht können wir noch aufs Seminar, wo die erklären, was die Pyramide mit dem großen Auge auf der Ein-Dollar-Note zu bedeuten hat!“ Nicht zu vergessen, der Abend an dem ich sie zur Tarzan-Show ausführte.
„Ab zur Tarzan-Dschungel-Double-Show. Ich bin Tarzan, Du Jane und Enzo darf mein treuer Affenbutler sein!“ So hätte es ewig weiter gehen können. Selbst ihr Enzo-Komplex schien mich nicht mehr zu stören, doch dann kam es einem Tag ganz anders.

Wieder kam ich zur Wohnung und klingelte an der Tür. Zunächst schien alles wie beim alten. Ich hörte zaghafte Schritte, die sich der Tür näherten und die Pforte schwang nach einem kurzen Entriegeln auf.
„Packt die kugelsichere Weste ein; wir fahren zum Paintball-Platz…“ sprach ich, doch mir blieb das Wort sofort im Halse stecken. „…ah, Tanja. Du hier?“
„Ja, ich. Nett, dass Du noch weißt, wie ich heiße!“ schnauzte mich Cocos Schwester an. Ich hatte sie über die Zeit mit Coco mittlerweile vollkommen vergessen.
„Was hat das zu bedeuten?“ fragte ich unschlüssig.
„Naja, dafür, dass meine Schwester so unausstehlich ist, verbringt ihr aber ganz schön viel Zeit miteinander. Ich dachte, wir wollten uns mal wieder treffen, aber stattdessen bin ich wohl nur noch ein Terminkoordinator!?“ antwortete sie bissig.
„Nein, das bist Du nicht. Ich hab Dich nicht aus den Augen verloren, falls Du das meinst. Und überhaupt, was suchst Du in Ihrer Wohnung?“
„In Ihrer Wohnung? Nur so viel dazu, dass Du mich angeblich nicht aus den Augen verlierst: Es ist MEINE Wohnung, Du mieser Aufschneider. Coco lebt bei mir! Remember? Als wir noch vor fast zwei Monaten hier zusammen gegessen haben? Wo ich Dich Coco vorgestellt habe? Klingelt’s da bei Dir?“ Irgendetwas war faul an der Sache. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dies der einzige Grund war, warum Tanja so gereizt wirkte.
„Oh, natürlich. Es ist ja Deine Wohnung“ sagte ich beschwichtigend. „Naja, apropos Coco, ist sie vielleicht gerade da?“
„Nein, sie ist gerade unpässlich“ antwortete Tanja lakonisch.
„Was soll das heißen?“ Der Blick der blonden Sirene trübte sich und sie stieß einen mauen Seufzer aus.
„Komm rein. Sowas bespricht man nicht an der Tür“ sagte sie und wich bei Seite, sodass ich eintreten konnte. Ich hatte nicht nur Tanja vergessen, sondern auch ihren schmierigen Freund, den Proktologen Martie. Er saß im Wohnzimmer, trug einen prüden Strickpullover und trainierte sein Sitzfleisch.
„Hallo, Ben“ begrüßte er mich übertrieben höflich und akkurat. Ich musste freundlich bleiben, doch ich fühlte ein merkwürdiges Gefühl der Einsamkeit wie sie wohl nur Pornostars empfanden, nachdem sie am schmierigen Drehset zum Abspritzen gekommen waren.
„Hallo, Martie. Wie läuft’s mit Deiner Praxis?“ fragte ich heuchlerisch.
„Oh, es läuft fantastisch. Die Praxis wirft gut was ab. Fühlt sich gut an, so tief drin im Geschäft zu sein.“
„Ja. Als Proktologe ist es auch sicher ein gutes Gefühl so tief in der Materie rumzuwühlen“ ergänze ich süffisant.
„Hör bitte auf!“ fuhr Tanja dazwischen. „Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Deine Sketche.“
„Also…was ist denn nun mit Coco?“ fragte ich angespannt. Tanja war es ebenfalls. Sie hatte nicht mal die Ruhe Platz zu nehmen, geschweige denn mir einen anzubieten.
„Sie wohnt von nun an nicht mehr hier.“
„Oh, gut. Hat sie jetzt eine eigene Bude gefunden?“ fragte ich.
„Nein…“
„Ja, was dann?“ Ein verlegenes Schweigen trat ein – gleich einem tiefen Luftholen, bevor man das erste Mal in eine saftige Pizza biss.
„Sind wir hier auf einer Beerdigung? Was ist passiert? Ist irgendwas mit Coco passiert?“
„Nein, nicht direkt…“ entgegnete Tanja und ich bemerkte, dass sie versuchte ihre Tränen zurückzuhalten. Martie sprang für sie ein.
„Eigentlich ist mit ihr alles wie beim alten…“ erklärte er.
„Ja, aber…was ist es dann? Tanja?“
„Ben. Ich gebe zu; ich habe eben an der Tür etwas überreagiert. Dafür möchte ich mich entschuldigen“ sagte Tanja. „Es war gut, dass Du Coco die Zeit hier so angenehm wie möglich gemacht hast…bis sie…“ Sie brach ab und wendete ihr Gesicht beschämt ab. Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Ich brauchte Klarheit. Ich brauchte Coco.
„Tanja…wo…ist…Coco? Ich habe ein Recht es zu erfahren…jetzt!“ erwiderte ich fordernd. Tanja begann zu schluchzen.
„Es tut mir so leid, Ben. Ich hoffe, Du verurteilst mich deswegen nicht. Es fiel mir nicht leicht. Aber sie ist meine Schwester und…und ich musste eine Entscheidung treffen…“
„Was? Was für eine Entscheidung hast Du getroffen?“
„Das Jahr, das sie in Brasilien verbracht hat, war nicht einfach nur ein Ausflug. Es war eine Therapie.“
„Eine Therapie…eine Therapie gegen was?“ fragte ich und wurde langsam laut. Tanja zog ein trotziges Lächeln auf und schüttelte den Kopf.
„Oh, Ben. Ben. Ben!…willst Du es nicht verstehen? Was hat Coco denn so Besonderes, na? Was hat sie denn, das sie zu einem speziellen Fall macht?“
„Du meinst…?“
„Ganz genau. Seit Jahren schleppt sie es schon mit sich rum…schleppt sie IHN mit sich rum. Und ich setzte all meine Hoffnungen auf diese Therapie, um ihr das zu ersparen, was ich ihr nun doch antun musste. Es war so nett von Dir, dass Du sie ausgeführt hast. Sie sollte noch einmal ein bisschen den frischen Atem der Freiheit genießen können. Aber ich wollte nicht, dass sie Dir so nah kommt. Denn das hat nun alles noch viel schwieriger gemacht…es geschah gegen ihren Willen…oh, Gott…“
„Tanja…was hast Du getan?“ fragte ich final.
„Ich habe Coco…meine Schwester…gegen ihren Willen – in eine geschlossene Anstalt einweisen lassen…“ antwortete Tanja zitternd und stürzte mich damit in ein tiefes dunkles Loch.<<