Geschichten aus der Matratzengruft: Februar/März

von Heinrich Heine

Die Heinrich-Heine-Uni startet in die Semesterferien. Nur ihr Namenspatron bleibt zurück und hadert mit seinem Schicksal.

Einst bannte ich den Geist der Begabung mit einem Flüstern. Heute banne ich den Dämon der Frustration mit meinem Schreiben. Wie ein alter Dachs in seinem Bau, warte ich darauf, dass der Winterschnee dahin schmilzt. Doch es war kein Schlaf, es war unnatürlich, wie der Zustand tiefster Bewusstlosigkeit. Am Anfang ist stets der Sinn. Es ist der Sinn, der alles wirkt und schafft; er sollte alleine stehen. Und im Anfang steckt die Kraft, am Anfang ist die Tat. Doch die Pennäler sind bereits auf Wanderungen gegangen, ihrer Seele Erholung gönnen. Nach all den Klausuren und Stöhnen haben sie fürs Erste ihr Soll erfüllt. Und für wen soll ich nun noch schreiben? Wenn niemand mehr auf dem Campus weilt, um dies Konvolut zu bestaunen und mein Wissen in die Welt hinaus zu tragen? Wohl nur die Campus Delicti ist die einzige Zeitung auf diesem Erdenrund, die nicht erscheint oder die keiner liest. Mit der Erleuchtung der Redakteure ist es wie mit einem Leichenlicht, ein Licht doch strahlend, aber welches nichts erhellt. Drum riet mir ein treuer Bundesgenosse, ich solle meine mentale Pertinenz und Lethargie einfach auf andere lenken. Er sagte, wenn einem irgendetwas an einem selber nicht passt, dann sei es das Beste, wenn man seinen Zorn an anderen auslässt. Man würde sich doch gleich viel besser fühlen, wenn man mit den Finger auf andere Bürger deutet und ihnen jeden schlechten Namen gibt. Der Bekannte, der mir diesen zweifelhaften Rat erteilte, war übrigens Kaspar Hauser. Doch es ist nicht sein Name, der mir zurzeit im Kopf herumspukt wie die Stickstoffbläschen in meinem Gehirn.

Nun kriege ich nämlich immer öfter in anderen Pressemagazinen zu hören (freilich, ich lese auch noch was anderes als nur die Campus Delicti), dass ein Galgenvogel aus Dresden den Islam als Bedrohung des christlichen Abendlandes betrachtet. Er höret auf den Namen Pegida…oder so ähnlich. Das hat diese Stadt nicht verdient, immerhin hat ein Dresdner auch den Bierdeckel erfunden, was ich dem Florenz an der Elbe bis heute hoch anrechne. Just sah ich doch erst in diesem neogotischen Apparat namens Fernsehgerät eine Filmvorführung, in der das Radeberger Bier vor dem Hintergrund der Semperoper als Nektar der Natur angepriesen wurde. Freilich, das Bier. Was wäre das christliche Abendland ohne seinen Gerstensaft, seinen Hopfenblütentee? Es klirren die Becher, es jauchzen die Knechte, so sei es einem störrigen König recht. Ob gebranntes, gepanschtes oder gegorenes, wenn es darum ging, einen Humpen zu heben, war ich brandgefährlicher als ein Wasserbüffel, der in Tabascosauce schwamm. In meiner Jugend – als ich noch voller Kraft und Saft war – haben wir die Trinkstuben derart unsicher gemacht, wo die Szene ‚Auerbachs Keller‘ in Goethes Faust gleich einem dumpfen Schluckauf eines Säuglings daher kommt. Ich sagte immer, am achten Tag schuf Gott das Bier und seit dem hört man nichts mehr von ihm. Wenn ich und meine Saufkameraden die Krüge gehoben haben, ist erstmal eine Sonnenfinsternis eingetreten. Im Laufe der Zeit hatte ich eine so enge Beziehung zum Alkohol aufgebaut, dass ich Bierflaschen durch bloßes Anstarren öffnen konnte. Ich gestehe aber, dass ich beizeiten damit in so manche monetäre Probleme rein gestolpert bin. Der Grund, warum ich das Schreiben in dieser Zeit intensivierte, hatte vordergründig mineral-geologische Gründe: Ich brauchte Kies um meinen Suff zu finanzieren. Aber damit könnt ihr, meine getreue Leserschaft, sicher nicht mitreden. Euer Geld ist ja dank eurer Währungsunion fast nichts mehr wert. Für eine Handvoll eurer hoch geschätzten Silbermünzen bekommt man nicht mal ein Rinderschnitzel. Zu meiner Zeit bekam man für einen Pfennig eine ganze Kuh – und noch Geld zurück!

Wahrlich, so begab es sich noch als ich jung war. Doch es war nicht nur alles Sommer, Blüte, Sonnenschein. Wo denkt ihr hin? Zu meiner Zeit war mit der Universität nicht zu spaßen. Als ich noch Student in Bonn war, wurden wir mit Zuckerbrot und Peitsche ans Wissen herangeführt. Mein dozierender Mentor kam gerade frisch aus dem Krieg gegen Napoleon und hatte sein linkes Bein vor Waterloo gelassen. Aufgrund seines Invalidenstatus gehörte er einem verarmten Adelsgeschlecht an und nahm daher aus Not den Posten als Lehrkraft an. Sein Name war Graf Ludwig-Treibes von Hinten, und ihm eilte bereits ein zweifelhafter Leumund voraus. Bei ihm herrschte noch preußischer Kasernenton. Bevor seine Vorlesungen begannen, mussten wir uns erst einmal alle in Spalier aufstellen, stramm und still. Und wenn Treibes von Hinten stramm und still meinte, dann meinte er es auch – da durfte bei uns Burschen nicht mal mehr der Sack schaukeln!

Aber ich schweife ab, wo war ich? Wohlan, es ging um Pegida. Ich harre, denn wer kann sein Kind schon so nennen? Da muss man doch schon innerlich genau so abgestorben sein wie Kopernikus Zehen vom ständigen Rauchen – das letzte Mal hatte er sie gespürt, als die Türken die Belagerung von Wien aufgegeben hatten. Das war übrigens damals eine Zeit, wo Europa tatsächlich vom Islam bedroht wurde. Doch die Tapferkeit der kaiserlich-österreichischen Truppen zusammen mit ihren ungarischen Husaren haben die Osmanen in die Flucht geschlagen. So konnten die europäischen Fürsten in Ruhe selbst ihr Volk knechten und unterjochen als diesen Spaß den Sultanen zu überlassen. Aber jemand mit dem Namen Pegida muss ja zwangsweise in seinem Überdruss auf das eigene Ich seinen Zorn an den Mitmenschen auslassen. Muslime als Bedrohung des Abendlandes. Immerhin mal was anderes, denn wir Juden mussten wahrlich die letzten 2000 Jahre stets als Sündenböcke für alle Katastrophen der Weltgeschichte herhalten. Wir Juden haben Jesus verkauft und umgebracht. Wir Juden haben die Pest nach Europa gebracht. Wir Juden ändern ständig die AGBs im Gesichtsbuch. Wir Juden haben das Gefühl erfunden, wenn euch die Füße einschlafen. Wir Juden manipulieren bis heute die Oscarverleihung. Damit könnte nun endlich Schluss sein, allerdings nur auf Kosten einer anderen Minderheit. Doch ich warne nur, dass man sich davor hüten solle, es mit den Mauren und Mamelucken des Orients aufzunehmen oder sie gar zu betrügen. Schließlich riechen die Moslems bekanntlich jedes Schwein zwanzig Meilen gegen den Wind. Die Hetze gegen eine Minderheit mag daher zu Beginn eine gute Möglichkeit sein, um Bauern zu fangen, aber später rächt es sich immer.

Und wie steht die Redaktion der Campus Delicti zu dieser Hetze? Einer der Redakteure ist selbst Anhänger des Korans und dann wird die eigene Religion nicht energischer verteidigt? Stattdessen werden verlegene Ausweichartikel auf dem Block – nein, so wird es geschrieben – …auf dem Blog publiziert mit semi-persiflierenden Titeln wie „Sind wir nicht alle ein bisschen Charlie?“ vom 21. Januar. Auf dem Gesichtsbuch des Pressereferats hat die ehemalige Verantwortliche des Campus-Kino ein gute Einschätzung über die Verfasser des Textes geleimt: „…abgesehen davon, dass der Artikel auf so vielen anderen Ebenen schlecht ist, hinkt der Vergleich mit dem BIP von Italien auch ein wenig. Italiens BIP (nominal) ist das achtgrößte der Welt.“ Zugegeben: Der Einwand mit Italien ist mir ein wenig schleierhaft, da dies überhaupt nicht dem Text des Autors widerspricht, wo das BIP der gesamten islamischen Welt zusammen gerade mal die Volkswirtschaft von Italien ausmacht. Wahrscheinlich war die Dame über etwas ganz anderes verdrossen und musste ihrem Ärger Luft machen; vielleicht ist sie so erzürnt wie die im Text angesprochenen islamischen Gotteskrieger, die gar keinen Sprengstoff mehr brauchen, sondern vor lauter Wut schon von ganz alleine platzen. Die Dame hätte lieber auf die ganzen Rechtschreibfehler und unglücklichen Stilmittel eingehen sollen. Artikel wie diese sind nämlich ein Sinnbild für des Volkes Abstumpfung gegen eloquente Kritik und Auffassungsgabe. Anstelle psychologischer Konstanz findet man nur korrespondierende Figuren. Aber man muss die Menschen nehmen wie sie sind, andere gibt es zurzeit nicht. Doch ich hoffe, wenn die Vorlesungen an der Universität wieder beginnen, werden alle ihren Snobismus ein wenig zügeln.

In diesem Sinne

Adé

Euer Harry