Filmkritik: „American Sniper“

von Gordon Worthmann

Bei der Oscarverleihung geschwächelt, doch vom US-Publikum honoriert: „American Sniper“ spaltet die USA und wird auch bei uns kontrovers aufgenommen. Trifft der neue Film von Altmeister Clint Eastwood ins Schwarze.

Ein bekanntes Showmotto lautet, dass es keine schlechte PR gibt. Egal ob positiv oder negativ, jede Form der Kontroverse führt zu einer Überhöhung des eigentlichen Themas, Übersteigerung des Interesses und Überfrachtung der Neugier. So auch bei dem viel diskutierten Kriegsdrama „American Sniper“, welcher (inflationsbereinigt) der bisher erfolgreichste Kriegsfilm aller Zeiten ist – zumindest in den USA, wo in Sachen Box-Office sogar „Apocalypse Now“ oder „Der Soldat James Ryan“ abgehängt wurden. Dabei ist die große Aufmerksamkeit für den Streifen nicht etwa im vorauseilenden Kadavergehorsam oder blindem Hurra-Patriotismus zu suchen, sondern schlicht dadurch erklärbar, dass man ihn in Amerika einfach gesehen haben muss, um bei der öffentlichen Debatte mitreden zu können. Denn auch in den USA teilt der Film die Gemüter; es ist ein Streifen, den man dort entweder nur lieben oder hassen kann. „American Sniper“ stellt sich nämlich in eine Tradition mit jüngsten Werken wie „Lone Survivor“ oder „The Hurt Locker“, die allesamt Amerikas umstrittenes Engagement im Irak thematisieren. Auf dem Regiestuhl hat kein anderer als Clint Eastwood Platz genommen, der es als Schauspieler bereits zur Legende gebracht hat – in einprägsamen Rollen wie dem namenlosen Kopfgeldjäger in zahlreichen (Italo-)Western oder den vierschrötigen Cop (Dirty) Harry Callahan – und als Filmmacher mit Meisterwerken wie „Erbarmungslos“, „Die Brücken am Fluss“, „Million Dollar Baby“ oder „Letters from Iwo Jima“ ebenfalls Kinogeschichte geschrieben hat. Auch wenn das Profil seiner handwerklichen Arbeiten sich in den letzten Jahren immer weiter geschärft hat, so hat seine politische Positionierung doch für einige Irritation gesorgt. Genau wie bei der einstigen Filmlegende Charlton Heston hat nämlich auch Eastwood sich vom liberalen Beteiligten zu einem rechtskonservativen Trommler für das Lager der Republikaner gewandelt. Unvergessen sein Auftritt bei der Wahlkampfveranstaltung von Mitt Romney, bei der er sich auf äußerst unagile Weise über US-Präsident Obama lustig machte. Unter diesem Wandel ist auch sein jetziger Film „American Sniper“ von tragischer Bedeutung, behandelt er doch die Vita des Scharfschützen Chris Kyle, der mit 160 verbrieften Kills der ‚erfolgreichste‘ Sniper in der amerikanischen Militärgeschichte ist.

Aber was ist es nun. Kriegsfilm oder Antikriegsfilm? Das wird man wohl nie objektiv beantworten können. Inszenatorisch bewegt „American Sniper“ sich aber in der Champions League von Hollywood. Sowohl die Darbietung von Hauptdarsteller Bradley Cooper als auch Kamera und Schnitt sind perfekt abgestimmt und erinnern ein wenig an Eastwoods Hintergrund als Westernheld. Im Gegensatz zu anderen Kriegsfilmen aus jüngster Zeit ist hier mit keiner Wackelkamera gedreht worden, sondern in langsamen Sequenzen und Schnittabfolgen sowie Panoramaaufnahmen, welche die Weitschweifigkeit der zerbombten Ruinenstädte wie eine Endzeitkulisse wirken lassen. Und überhaupt zählen die Szenen im Kampfgebiet zu den stärksten des Films. Als Chris Kyle in die Staaten zurückkehrt, driftet der Streifen ein wenig in klischeehafte Vorhersehbarkeiten ab. So ist es wie immer auch hier die Frau des ‚Helden‘, die nun fordert, dass er sich mehr um die Familie kümmern soll, aber zu keiner großen Überraschung ist Kyle nicht in der Lage, sich wieder in die zivile Gesellschaft zu integrieren. Alles, woran er denkt, ist nur wieder in den Krieg zu ziehen, das Gefühl zu bekommen gebraucht zu werden, den Kick zu erleben, einen Menschen zu töten. In einer prickelnden Szene sehen wir ihn vor der Glotze sitzen und hören Schießereien und Explosionen, die scheinbar aus dem Fernseher kommen. Doch als die Kamera die Perspektive wechselt, erkennen wir, dass das TV-Gerät ausgeschaltet ist und Kyle nur auf einen schwarzen Bildschirm stiert. Die Kriegsszenerie spielt sich demnach in seinem Kopf ab.

Nun wurde von vielen Kritikern moniert, dass die Figur des Chris Kyle zu eindimensional geraten sei, da er kein Mitgefühl für seine aus dem Hinterhalt erschossenen Opfer finde, zu denen auch Kinder gehörten. Allerdings ist es kein Gesetz, welches fordert, dass der Hauptprotagonist stets ein Vorzeigestrahlemann sein muss oder jemand, der in sich plötzlich das Gute entdeckt. Immerhin ist es genau so interessant jemanden zu beobachten, der einen Widerspruch in sich darstellt: Menschen aus dem Hinterhalt zu töten und dafür in der Heimat als großer Held gefeiert zu werden. Zudem war der echte Chris Kyle ebenfalls ein überzeugter amerikanischer Patriot, der seine Taten nie in Frage gestellt hat. In seinem Buch bezeichnete er Iraker gar als „Bestien“ und bereute es höchstens, nicht noch mehr von ihnen abgeknallt zu haben. Es mag hart klingen, aber ein Film kann auch gut sein, wenn die Hauptfigur das Morbide verkörpert. Der Film leuchtet die Figur des Chris Kyle demnach nicht aus – was, wie gesagt, nicht schlimm ist – aber er versäumt es, den Protagonisten auf der anderen Seite entsprechend zu schattieren. So setzt das Drehbuch sehr unausgewogen die Gewichtung bei der Verfilmung von Kyles Autobiographie. Wäre es nicht interessant gewesen, wenn man mehr den persönlichen Werdegang authentischer gezeigt hätte, wie Chris Kyle solch ein doppelbödiger Söldner wurde? Stattdessen sehen wir, wie er schon als Kind in Texas das vermeintliche Talent zum Töten auf der Jagd mit seinem natürlich überstrengen Vater in sich entdeckte. Der geborene Killer oder was? Dass der echte Kyle in Wahrheit von einem Veteranen in den USA niedergeschossen wurde, wird vor Abspann nur kurz erwähnt. Dazu muss aber auch gesagt werden, dass das Drehbuch es mit der literarischen Vorlage nicht leicht hatte. Kyles Biographie „Sniper: 160 tödliche Treffer – Der beste Scharfschütze des US-Militärs packt aus“ wurde nämlich bereits in vielen Abschnitten als Lügenkonvolut entlarvt, in welcher Kyle sich sein eigenes Denkmal nachträglich setzen wollte. Daher wurde auch der Film bereits im Vorfeld als „American Liar“ betitelt. Gleichzeitig werden Tatsachen hinzugedichtet, um der Handlung die nötige Normung zu verpassen; so gibt es z.B. einen feindlichen Scharfschützen, mit welchem sich Kyle ein Duell wie in dem Film „Enemy at the Gates“ liefert. Ein Duell, das es so aber nie gegeben hat. Es ist also nur in Anführungszeichen ’nach einer wahren Geschichte‘, die nur solange wahr ist, wie sie ins patriotische Bild des konservativen Amerikas passt. Damit ist „American Sniper“ die fiktionalisierte Version einer Fiktion von der Wirklichkeit. Wer sich dadurch nicht abschrecken lässt, wird einen soliden und spannenden Kriegsthriller vorfinden, der jedoch kaum als Zeugnis über das Recht und/oder Unrecht des Irakkrieges herhalten kann, sondern ausschließlich zum großen