Geschichten aus der Matratzengruft: April

von Heinrich Heine

Der Frühling naht und in den Studenten erwacht das Lebensgefühl. Nur einer ist genauso tot wie StudiVZ. In seiner Woyzeck-Essenz hat er sich mit der Geschichte unserer Zeitung beschäftigt.

Man kann nichts verlieren, wenn man weiß, wo ‚irgendwo‘ ist. Vielleicht trifft dies auch auf die Redaktion der Campus Delicti zu. Denn wer sich die Ausgabe von Januar zu Gemüte geführt hat, wird in der äußerst unseriösen Rubrik „Die Stimme des Wutbürgers“ den Schmachartikel über den AStA-Haushalt gelesen haben. In diesem wurde ein Mädlein zitiert, die glaubte wissen zu müssen, dass der Studentenausschuss vorsätzlich Steuern hinterziehen würde, was schon eine Abqualifizierung an sich darstellt. Zur gleichen Zeit wird auf der Seite des Gesichtsbuchs rassistischen Vereinigungen wie der AfD eine Bühne geboten, sich zu präsentieren. Nun gibt es endlich auch offizielle Beweise dafür, dass die Rechercheure der Unizeitung genau so viel zu Journalisten taugen wie ein Blinder, der einen Vortrag über Farbenlehre halten soll. Daher habe ich mich selbst ins Archiv geschafft, um zu recherchieren, ob die Campus Delicti schon immer solch einen Schatten über die deutsche Presselandschaft geworfen hat. Ein Schatten, unersättlich nach glanzvollen Erscheinungen, nach gefräßigen Wirklichkeiten; ein Schatten, der finsterer war als der Schatten der Nacht und prächtig gewandet in den Falten einer prunkvollen Beredsamkeit. Und freilich fiel mir die allererste Ausgabe der Campus Delicti in die Hände, aus dem Jahr des Herrn 1898…merkwürdig, mich dünkt ein Gefühl der Kaltschnäuzigkeit. Mag die Universität nicht gerade mal 50 Jahre jung sein?

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Die allererste Ausgabe der Camus Delicti, datiert auf Montag, den 1.August 1898

 

Aber keine Zeit zu rasten, am Ende meines Artikels könnt ihr eine Photokopie der ersten Ausgabe sehen. Zunächst habe ich versucht es mit einer alten Druckerwalze zu vervielfältigen, bis mir eine nette Dame eines dieser neuartigen Geräte zeigte, das sie selbst einen ‚Scanner‘ nannte. Seit knapp 120 Jahren ist die Unizeitung damit ein Zeuge und Bote der Studierendenschaft; so rühmte sie bereits in ihrer ersten Ausgabe die Verdienste für die schlagenden Studentencorps des Reichsgründers Otto von Bismarck, welcher kurz zuvor dahingeschieden war. Doch es gab auch Reibungspunkte, so etwa als die zuvor eingesetzte Begeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs einer Ernüchterung wich und die Campus Delicti die Pennäler dazu aufrief, sich nicht sinnlos an die Front zu melden, sondern ihren Geist und ihre Knochen für die Nachkriegszeit aufzusparen. Zur Strafe wurden die dafür verantwortlichen Redakteure selbst in Strafbataillone eingeteilt und fielen 1916 vor Verdun, als sie ihre Essensration (zu dieser Zeit das aus Ersatzstoffen wie Sägespäne hergestellte und ungenießbare Kölner Brot) auf einer Tellermine verdrücken wollten. Dabei kam es schon vorher zu Spannungen, da die Campus Delicti bereits vor dem Krieg den Kommandanten der Garnison Düsseldorf, Erich Ludendorff, als einen Hasardeur bezeichnete, der aber im Krieg zusammen mit Paul von Hindenburg zum obersten Heerführer der kaiserlichen Armee aufstieg und die Schmähungen der CD nicht vergessen hatte. Zu einer kritischen Berichterstattung über den Zweiten Weltkrieg kam es erst gar nicht, da die Campus Delicti gleich als eines der ersten Verlagshäuser von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Während ein Großteil der Redakteure in sogenannte ‚Umerziehungslager‘ deportiert wurden, konnte ein kleiner Kern sich retten und publizierte im Untergrund Flugblätter, die sich besonders gegen den Gauleiter Düsseldorfs Friedrich Karl Florian richteten (der jedoch ungeachtet seiner Taten unbehelligt bis zu seinem Tod 1975 in Mettmann leben konnte). In den Fünfziger Jahren kam es zur Neugründung der Campus Delicti und sie schmiegte sich unmittelbar nach Gründung der Düsseldorfer Universität (die sich damals noch nicht mit meinem schönen Namen zierte) an diese an. Doch es kam abermals zu einer kurzen Schließung, als die Redaktion im Zuge der Studentenrevolte 1968 auf Betreiben des Bundesfinanzministers Franz-Josef Strauß gestürmt wurde. Hintergrund war der publizierte Artikel „Bedingt finanzierbereit“, welcher die schlechte Finanzlage westdeutscher Universitäten schamlos offenlegte. Doch anders als im jüngsten Wutbürgerartikel war dieser Beitrag von demokratischer Legitimation und dem Willen beflügelt, die Wahrheit zu jagen. Damals war dies ein Zeichen für die Pressefreiheit, doch die jüngste Generation der Redakteure nutzt diese schamlos aus, um möglichst viele Ausgaben verkaufen zu können. Dafür schreckt sie auch nicht davor zurück, Fakten und Tatsachen zu verdrehen. Auch ihre offiziellen Kommentare zeugen mehr von Verbal-Kungfu, da sie mit ihren Aussagen Menschen verletzen. Doch wie kann man jene Sturheit, die mich so trunken macht, bändigen? Das fundamental Neue ist ja stets geprägt durch die Orchestrierung des Unerklärten, bei der erst die Gesamtbetrachtung der versprengten Mosaikstücke den aggressiven Charakter eines Sinns entlarvt. Die Schuld ist nicht mehr bei einzelnen Personen zu suchen. Meine treue Leserschaft, ihr müsst akzeptieren, dass ihr eine Welt hinter euch gelassen habt, in der die Macht in Hierarchien beheimatet ist. Ihr steht am Übergang zu einer Welt, wo die Macht in Netzwerken liegt. Wenn ein Zombie wie ich es aufgenommen habe, dann müsst ihr, die jüngere Generation, das doch erst recht verstehen. Erhellend, was ich schreibe? Dass dies alles bei erster Lektüre für euch keinen Sinn ergibt, mag freilich der Fall sein, aber es ist doch die einzige Wahrheit, die mir beim Schreiben dieser Zeilen als makellos und rein erscheint. Dass dies zwar keine süße Wahrheit ist, an der man an Diabetes erkranken kann, ist mir offenkundig. Aber es ist eine Wahrheit die mich angeht, die Dich angeht, die uns angeht.

In diesem Sinne

Adé, Euer Harry