Die Stimme des Wutbürgers: Grexit

von Gordon Worthmann

„Einst lehrten uns die Griechen das Lesen und Schreiben. Heute leeren Sie uns die Geldbeutel!“ Mit der Griechenlandkrise ist die Phase der friedvollen europäischen Einigung einer gereizten Atmosphäre gegenseitiger Vorwürfe gewichen. Stimmen die Vorurteile oder hat das kleine Hellas mehr zu bieten als nur Schulden und Tzatziki?

Was war das vergangene Jahrzehnt doch noch für eine unbeschwerte Zeit. Das einzig Unbeschwerte an der jetzigen Dekade ist, dass man auch sie irgendwann als die gute, alte Zeit bezeichnen wird. Umschwirrt lässt man die kleine Epoche Revue passieren und fragt sich, wie es um Griechenland zwischen 2000 bis 2010 bestellt war? Das war eine Zeit, wo Teutonen noch ohne Pickelhaube und Hitlerbart porträtiert wurden, stattdessen forderten die Hellenen gar eine abgebrochene Statue neben der Akropolis von dem großen Germanen Otto Rehagel (oder Otto Rehakles, wie die Einheimischen ihn nannten). 2004 wurde mit der Rio-Andirrio-Brücke die modernste Brücke Europas errichtet, welche sich über den gesamten Golf von Korinth erstreckt und lange Zeit als unmöglich zu bauen galt. Gleichzeitig richtete das Land logistisch und veranstaltungstechnisch perfekt die erfolgreichen Olympischen Spiele aus und erinnerte damit erneut daran, wo der Ursprung der Antike lag. Im gleichen Jahr hat es, völlig unerwartet, auch noch als absoluter Außenseiter im Fußball-Europameisterschafts-Finale Portugal im eigenen Land besiegt. Ein Jahr später auch noch den Eurovision Songcontest gewonnen, den man damit 2006 selbst ausrichten durfte. Und dann? Und dann…?

grexit1

Oh my God: Als Wolfgang Schäuble die Griechenrettung als „Herkulesaufgabe“ bezeichnete, hatte Zeus da wohl etwas missverstanden. Man solle seinen Sohn gefälligst da raus halten.

Dann…klappte 2008 die Großbank Lehman Brothers wie ein Taschenmesser in sich zusammen. Die Folgen kennt jeder und heute bestimmt das Schicksal Griechenlands wie einst im Kampf gegen die Perser wieder ganz Europa – leider diesmal nicht im positiven Sinne. Denn ein Staatsbankrott oder ein Hinauskicken der Hellenen aus der Eurozone würde eine unkontrollierte Kettenreaktion zur Folge haben, die gleich einer Dominoreihe nach und nach alle anderen Staaten der Eurozone umfallen lassen könnte. Und wenn einem nichts Gescheites einfällt, pumpt man erst einmal einfach Geld in etwas hinein, denn Geld bedeutet nichts anderes als Leben. Dieses Geld jedoch wurde nicht verwendet, um etwa langfristige Inlandsinvestitionen zu finanzieren oder die marode Infrastruktur generalüberholen zu lassen – nein, dieses Geld war von Anfang an dazu erdacht, sich Zeit zu erkaufen. Göttin Athene hält die Hand auf. Sie ist mittlerweile zur Göttin Nimm der EU geworden und lässt sich das Zeit-Kaufen seit 2010 Milliarden von Euros kosten. 2015 summiert sich der Preis für die gekaufte Zeit bereits auf 234 Milliarden Euro. Daher dreht man in Hellas jeden Groschen gleich dreimal um. Und nachdem die neue Regierung in Athen sich einfach mal von allen Abmachungen der Vorgängerregierung verabschiedet hat, sucht Griechenland nun in jeder Couchritze nach noch so schmutzigem Geld. Dabei sind gewagte Finanzspritzen aus dem despotischen Russland noch das prüdeste Szenario. Schnell fordert man einen weiteren Schuldenschnitt nach Art der Londoner Schuldenkonferenz von 1953, wie es Deutschland dort einst gewährt wurde – oder man fordert gleich von Berlin Reparation für die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Doch das sind noch die harmlosesten Einfälle, obwohl schon aus ihnen die pure Verzweiflung spricht.

++Ironie-Modus: AN++ Zunächst wurde gescherzt, dass die Hellenen eine ihrer vielen Insel verkaufen könnten, doch nun denken viele nicht nur ernsthaft darüber nach, einzelne Atolle tatsächlich zu verpachten, sondern gleich ganz Griechenland an die Türkei zu verhökern. Dieses Vorhaben hätte nach einer jüngst veröffentlichen Studie der Europäischen Agentur für politische Informationsaufklärung gleich mehrere Vorteile:

  1. Diese Umsetzung wäre nicht neu, immerhin war Griechenland 200 Jahre lang Teil des Osmanischen Reiches und damit der Türkei. Selbst deren muslimischer Landesvater Mustafa Cemal Atatürk stammt aus Thessaloniki, dem heutigen Hellas. Man würde sich also gut verstehen.
  2. Anders als der befürchtete Grexit (also der Austritt Griechenlands aus der Eurozone) wäre dieser Schritt damit auch für die anderen Krisenländer nicht so leicht wiederholbar, womit wiederum ein Zeichen an die Finanzmärkte gesendet werden würde, dass dieses Vorgehen eine einmalige Ausnahme darstellt. Immerhin wird man wohl schlecht Spanien und Portugal an Frankreich verscherbeln können oder Italien an Österreich und Deutschland – es sei denn man fordert ein Revival des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.
  3. Gleichzeitig hätte man einen Schritt zur Integration der Türkei Richtung EU getan, da das Schlucken Griechenlands mit einem starken Schub hin zur westlich-abendländischen Gesellschaft einhergehen würde. Außerdem bezeichnete Präsident Erdoğan, dass nach Christoph Kolumbus und der Entdeckung Amerikas durch die Osmanen, auch Costa Cordalis schon immer Türke gewesen sei und ebenfalls der berühmte Marathonlauf nicht zur gleichnamigen Stadt Marathon, sondern in Wahrheit nach Antalya geführt hätte.
  4. Das allerwichtigste Argument laut der Studie: Endlich wäre es keine undenkbare Alternative mehr, Döner mit Gyrosfleisch zu bestellen.

Und das Mitleid für Athen zieht weitere Kreise. Nach Informationen der IFA (Internationales Forschungsinstitut für Auswärtiges) wurden nun sogar Spendenaufrufe in Afrika gestartet, um dem gebeutelten Griechenland zu helfen. In Mombasa fanden sich so z.B. im März tausende Einheimische zusammen, die ihren Beitrag zur Eurorettung in Form von Geld oder Kupfer- bzw. Federschmuck leisten wollten. So kamen schon nach rund einer Woche ganze 93,86€ zusammen. In einigen Berichten heißt es sogar, dass die Piraten in Somalia Teile ihrer Beute – in diesem Fall Lösegelderpressungen – spenden würden. ++Ironie-Modus: AUS++

Doch all diese sogenannten Lösungsansätze signalisieren eigentlich nur, wie festgefahren die Lage ist. Für jeden Euro den die Griechen verdienen, geben sie durchschnittlich 1,21 Euro aus. Die Lücke füllt auch ein Übereinkommen nach Art der Londoner Schuldenkonferenz von 1953 nicht. Im Wesentlichen ging es nämlich 1953 um Zinssenkungen – nicht um das generelle „Streichen“ von rund 30 Milliarden Mark. Ein aus heutiger Sicht recht niedrig erscheinender Betrag – doch der Bundeshaushalt von 1952/53 umfasste damals insgesamt lediglich die Summe von 23 Milliarden Mark. Für damalige Verhältnisse waren die Schulden also außerordentlich hoch. Die verbleibenden Schulden aus Tilgung, Zins- und Zinseszins trug Deutschland zügig ab – dank seiner sich ständig steigernden Exportstärke. Und genau das wird im Fall Griechenlands nicht möglich sein: Die alte wie die neue griechische Regierung stecken geliehenes Kapital nicht in Anlagen, sondern in den Staatskonsum. Und die neue Regierung will dies sogar noch beschleunigen. Privatisierungen wurden bereits gestoppt, wichtige Industrien sollen verstaatlicht werden. Mindestlöhne werden erhöht, den Rentnern ein Weihnachtsgeld versprochen. Damit kommt es zu einer Kubanisierung Hellas und zu einer sprunghaften Kapitalflucht. Die bisherigen 234 Milliarden Euro an Finanzhilfen für Griechenland entsprechen dem Dreifachen des heutigen griechischen Haushaltsvolumens – während Deutschland 1953 nur die Hälfte, gemessen am Haushaltsvolumen, in Form von Zinsnachlässen erhielt. So gerechnet ist die Finanzspritze schon jetzt für Griechenland rund sechsmal so groß wie die Hilfe, die damals Deutschland erhalten hat. Oder plakativ ausgedrückt: Man hat Griechenland das Londoner Schuldenabkommen bereits sechsmal gewährt – und soll es nun noch ein paarmal mehr tun. Natürlich kann man auch Schulden streichen, so man denn will – sie werden sich aber sofort wieder neu aufbauen. Der Kapitalstock des Landes ist allein im Jahr 2014 um 12% gefallen. Ein Schuldenschnitt kann Hellas nicht den Euro erhalten. Griechenland ist nach vier Jahren Rettung so pleite wie nie zuvor. Mit einem Unterschied: Statt die Verantwortung bei den Banken und Finanzmärkten zu suchen, ist die Verantwortung auf Deutschland abgeschoben worden. Aber welche Alternativen haben wir? Sollen wir uns wirklich ins ruinöse Abenteuer eines griechischen Euroaustritts wagen – mit all seinem unkalkulierbaren Folgen?

grexit2

Nein, nein: Dies ist diesmal keine „Wutbürger“-Bildcollage und auch keine archäologische Ausgrabung, sondern tatsächlich das, was nach zehn Jahren noch von der hochmodernen Kajak-Wildwasseranlage übrig ist. Hoffnungslos verfallen wie alle anderen olympischen Sportstätten von 2004. Symbol für die einst große Nation.

Die Diskussionen werden dabei nur noch ideologisch und kaum noch rational geführt. So propagieren Konservative und Populisten das Bild vom faulen Griechen und dass der vermeintlich fleißige, deutsche Steuerzahler nun für diese Schmarotzer aufkommen solle. Dabei ist es einfach ein Mythos, dass der deutsche Steuerzahler mit seinem Geld direkt für die griechischen Schulden haften würde. Überhaupt liegen die meisten Schuldtitel auch nicht mehr bei privaten Geldgebern, sondern bei den EU-Mitgliedsstaaten selbst, was eine gute Nachricht ist. Die Banken und deren Elite haben ihr Geld bereits ins sichere Ausland gebracht; und es war auch stets die Elite einer Nation selbst, die Länder wie das Römische Reich bis hin zur DDR wirtschaftlich von Innen ruiniert haben. Das einfache Volk hingegen kann schlicht gar nicht so faul sein, dass es seinen eigenen Staat in den Ruin reißt, weil die Menschen zwangsweise arbeiten müssen, so sie denn konsumieren und überleben wollen. Daher zielen die sogenannten Fakten von solchen Wirtschaftsweisen mehr darauf ab, simple Menschen mit simplen Mustern einzulullen. Linke Politiker und naive Hohlwelttheoretiker präsentieren auf der anderen Seite das Bild von dem zwar hochverschuldeten, aber völlig unschuldigen Griechenland. Schuld an komplett allem sei mal wieder das eigene Vaterland, in diesem Fall Deutschland, welches durch sein Krisenmanagement erst Hellas in diese Lage gebracht hätte. So beschwören Redner aus jenem Spektrum, Deutschland solle sich wie so häufig mal wieder seiner Schuld in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg bewusst werden und Griechenland nicht nur eine Entschädigung für die damalige Besatzung zahlen, sondern auch für jedes andere Anliegen springen. Da falle es nicht ins Gewicht, wenn dieses Handeln nicht ökonomischen Grundprinzipien entspreche, zu deren Einhaltung sich auch die Bundesrepublik verpflichtet habe; aber Linke und Autonome haben im Verlauf der Weltgeschichte bereits mehr als einmal demonstriert, dass sie von Wirtschaft genauso viel verstehen wie der Papst von „Fifty Shades of Grey“. Zudem übersehen sie, dass trotz aller Armut der Lebensstandard der Griechen noch immer über dem der Balkanländer und sogar von EU-Mitgliedsstaat Bulgarien liegt. Wenn die Idealisten also mit der Armut in Athen kokettieren, so müsste erst einmal den Slawen geholfen werden. Es ist also alles nicht so leicht zu durchschauen, wie man uns in Polit-Talks Glauben machen will.

Und wenn man in der Ukrainekrise von einer Rhetorik des Kalten Krieges spricht, so ist in Bezug auf die Griechenlandkrise Rhetorik aus dem Ersten Weltkrieg erkennbar. Rezeptionen in der Medienlandschaft fallen dabei durch Parallelen zum Versailler Vertrag auf. Nur ist es diesmal Deutschland, das scheinbar ein anderes Land in einem Knebelvertrag unterjochen wolle. Dies wird die Suche nach einer langfristigen Kompromisslösung nur erschweren, wenn jeder Vorschlag wie eine Finte aussieht, um die andere Partei auszubooten. Statt an einem Strang zu ziehen, wird das Bild von einem Tauziehen suggeriert. Europa ist demnach kein Team mehr und Russland hebelt die verbliebene Solidarität weiter aus. Die Folge wird eine Verhärtung der Fronten sein, an dessen Ende sich die Völker Europas radikalisieren. Auch hier sind damit leider wieder Parallelen für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu erkennen. Aber es gibt Hoffnung, denn die Antworten auf die großen Fragen der Zeit wurden nie an den politischen Rändern oder auch nur durch ihre Summation entschieden, sondern stets in der gesellschaftlichen Mitte siegreich ausgefochten. Es bleibt nur zu hoffen, dass uns diese nicht auch noch wegbricht.