Osterlgie

von Gordon Worthmann

Ein Fabeltier, Alptraum aller Kleptomanen, aufs Ärgste mit dem Weihnachtsmann verfeindet, zeigt stolz seine Eier und kommt trotzdem nur einmal im Jahr. Die Frage lautet: Wer ist der Osterhase? Und was hat ein Karnickel mit der Kreuzigung und Auferstehung Jesu zu tun?

Kommt der Osterhase ursprünglich von der Osterinsel und wurde einst von Seemännern aus Versehen nach Europa eingeschleppt? Kann natürlich durchaus sein, aber anderen Quellen zufolge verdankt die Osterinsel ihren Namen einem Holländer, der für die Westindische Handelskompanie der Niederlande am Ostersonntag, zu dieser Zeit der 5. April 1722, in See stach und das Eiland „Paasch-Eyland“ taufte, dem Tag der Entdeckung. Der mecklenburgische Korporal Carl Friedrich Behrens, der die Expedition begleitete, übersetzte den Namen ins Deutsche und von Deutschland aus setzte er sich durch seine Berichte bald in ganz Europa durch. Der Name der Insel bezieht sich selbstverständlich auf das christliche Osterfest, und der Name Ostern (wie auch das englische Eastern) leitet sich vom altgermanischen Ēostre ab, was so viel wie ‚Morgenröte‘ heißt.

Dass diese Bedeutung auf den ersten Blick nur wenig mit der heutigen Tradition gemein hat, ist kein Zufall. Es ist bekannt, dass die christlichen Missionare ihre rituellen Feiertage gerne an Daten platzierten, wo die heidnischen Wilden ihre eigenen Feiern abhielten, die sich aber nicht nach Religion, sondern nach Naturphänomenen, Jahreszeiten und Himmelsrichtungen orientierten. Da ist es nicht verwunderlich, dass z.B. die Winter-Sonnen-Wende und Weihnachten so nah beieinander liegen, aber anders waren die Fremdgläubigen nicht so schnell für die Bibel-Kampagne zu gewinnen. Die Franken verbanden mit Ostern wohl zunächst noch eine Art Frühlingsfest, die christliche Symbolik floss demnach erst Jahrhunderte später ein. Da passte es gut, dass das verwaiste Grab Jesu in aller früh – sprich: zur Morgenröte – hin geöffnet wurde. Die aufgehende Sonne gilt im Christentum seitdem auch für die Auferstehung. In anderen Schriften wird auch geschrieben, dass der Name Ostern und Eastern sich auch auf die Himmelsrichtung Osten bezieht, dort wo eben die Sonne aufgeht. Ob Jesus nun wirklich zum Himmelsreiter wie in einem Heavy-Metal-Song wurde, soll hier aufgrund mangelnder, objektiver Quellen nicht weiter ergründet werden. Aber im Lauf der Jahrhunderte entwickelte sich so das Osterfest, welches an die Auferstehung des Sohn Gottes gedenken soll.

Der Osterhase selbst ist ebenfalls eine nachträgliche Erfindung und wurde genau wie der Adventskalender zu Weihnachten auch wieder in Deutschland eingeführt und schnell zum Exportschlager – eben einfach ‚Made in Germany‘ – und lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückdatieren. Das Bemalen und Verstecken der Eier ist unpräzise gegriffen, denn heute wie damals gibt es neben den Ostereiern auch jede Menge andere Kleinigkeiten, die vor allem Kinderherzen höher schlagen lassen sollen wie Süßigkeiten, Briefe und Geschenke. Dass aber das Ei (die Bemalung und vor allem das Schokoei wurden erst viel später durch die kommerzielle Modernisierung zementiert) zum Kern der Ostergeschenke avancierte, liegt darin begründet, dass das Ei ebenfalls als Symbol der Schöpfung gilt. Was war zuerst da:

Das Huhn oder das Ei?

Dass aber als Verteiler der Eier ausgerechnet ein Hase gewählt wurde, hat weniger mit der viel beachteten Zeugungskraft der Nager zu tun als viel mehr mit dem Massengeschmack. So gab und gibt es sogar heute noch in Teilen Deutschlands und der Schweiz statt des Karottendiebs einen Osterfuchs oder einen Osterkuckuck. Es gibt zwar auch in der Bibel einige Zitationen von Hasen, dort gelten sie aber mehr als Symbol der Schwäche. Warum der Hase sich nun gegen den Fuchs und Kuckuck durchgesetzt hat, ist höchstens durch gute Öffentlichkeitsarbeit zu erklären. Immerhin haben es Ende der 90er Jahre ja auch die Spielkonsolen N64 und PlayStation durch besseres Marketing geschafft, die eigentlich weit überlegene SegaDreamcast komplett vom Markt zu verdrängen. Der FC Schalke 04 ist eigentlich auch nur ein durchschnittlicher Fußballclub, (letzter Meistertitel anno 1958 n.Chr.) welcher es aber durch gekonnte PR schafft, sich immer wieder im Gespräch zu halten und damit irrationaler Weise zu den besten deutschen Clubs gezählt zu werden. Wahrscheinlich lief dies beim Siegeszug des Hasen gegen seine Konkurrenten genauso ab.

Zum Abschluss soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass das Osterfeuer eigentlich eine antisemitische Handschrift trägt. Ja, richtig gelesen. Da der Tod Jesu zumeist den Juden angelastet wird, wurden noch bis zum Zweiten Weltkrieg Puppen verbrannt, die Judas Ischariot darstellen sollten. In Altbayern findet man jene Form des Osterfeuers vereinzelt noch heute. Allerdings gab es auch weniger archaische Riten, die auch heute mehrheitlich das christliche Brauchtum charakterisieren. Also kein Grund aufs Osterfeuer zu verzichten. Dort entzündet nämlich ein Priester bei einem feierlichen Brand eine Osterkerze und trägt diese vom Feuer in die dunkle Kirche. Die Gläubigen folgen in einem Zug, folgen dem Weg von Tod zum Leben, wobei das kleine Licht der Kerze Jesus versinnbildlicht. Wenn da einem nicht ein Licht aufgeht…