Erst Rilke, dann Fischer: Von der Uni in den Schlagerhimmel

HHU-Alumni und Songtexter Tobias Reitz im Porträt

Von Alina Konietzka

tobias„Keiner ist fehlerfrei, was ist denn schon dabei? Spinner und Spieler, Träumer und Fühler hat diese Welt doch nie genug“, singt Helene Fischer in ihrem Hit Fehlerfrei, einer Hommage an die kleinen Schwächen eines jeden. Zeilen, die die Hörer mitnehmen und beflügeln – doch sie stammen nicht von Frau Fischer, sondern aus der Feder von Tobias Reitz. Der 35-jährige HHU-Alumni verdient sein Geld mit dem Textdichten für Schlagersongs.

Tobias Reitz war schon immer Schlager-Fan. Was in der Schule noch als komisch angesehen wurde, war an der Heinrich-Heine-Universität unproblematisch – meist. „Manche Dozenten, die das mitbekamen, haben durchaus unter dem Motto Aber dafür bilden wir Sie hier doch nicht aus reagiert. Da war schon so eine leicht kultur-elitäre Arroganz festzustellen“, erzählt Tobias von seiner Zeit an der Uni. Dort studierte der gebürtige Marburger Germanistik im Hauptfach und Medienwissenschaften im Nebenfach – mehr zufällig als gewollt. „Um ehrlich zu sein, ich habe mein Studium aufgenommen, weil ich nichts Besseres wusste. Ich wollte immer Musik machen, konnte aber nur Sprache.“ Obwohl er sich anfangs nicht sicher war, ob er sein Studium überhaupt abschließen würde, folgten 12 glückliche Semester an der HHU. Tobias sang im Uni-Chor und arbeitete im AStA als Schwulenreferent. Nebenbei machte er Praktika und jobbte, um sich über Wasser zu halten. Dass er einmal vom Songtexten würde leben können, sah er nicht kommen und liebäugelte stattdessen mit dem Journalismus. Schmunzelnd erinnert sich Tobias an Professor Welbers aus der Germanistik, der die Erstis damals darauf hinwies, dass die Wenigsten von ihnen einmal im Journalismus landen würden, sondern in der Wirtschaft. Eine empörende Aussicht für den Studienanfänger damals. „Doch natürlich ist es genau so gekommen! Aber es ist gut so, wie es ist“, kann Tobias heute sagen – denn er hat seine Leidenschaft zu seinem Beruf gemacht.

„Spatzel, du hast Talent“, schrieb ihm die Textdichterin Heike Fransecky, nachdem er ihr seine ersten Songtextversuche zum Lesen geschickt hatte. Diese Worte seien wie ein Zauberspruch für Tobias gewesen, der sich daraufhin angespornt sah, sich an der Celler Schule zu bewerben. Die Stiftung der GEMA bietet jährlich ein umfangreiches Seminar für aufstrebende Songtexter. „Der Beruf Textdichter ist ja kein Ausbildungsberuf, man steigt quer ein und versucht, sich zurecht zu finden. Die Celler Schule bringt einem alles bei, was man wissen muss: Reim- und Metriklehre, Schreiben nach Maß, Blockaden-Bewältigung… Das spart Zeit, weil man sonst alles mühsam in freier Wildbahn lernen muss“, berichtet Tobias, der heute an der Seite von Edith Jeske an der Celler Schule als Dozent arbeitet. Als er 2001 selbst als Absolvent aus der Schule trat, brachte er seine Texte recht schnell an die Künstler. Wie? „Durch Klinken putzen. Ich bin die Liste meiner Lieblingskomponisten von oben nach unten durchgegangen, habe sie angerufen, angeschrieben und versucht, mich nützlich zu machen.“ Der Produzent Jean Frankfurter hatte gerade Bedarf für einen neuen Songtexter – ein absoluter Glücksfall für Tobias. 2002 kam dann seine erste Veröffentlichung mit Fernando Express, ein Jahr später folgte ein Song für Andrea Berg. Im Alter von 28 Jahren schrieb Tobias hauptberuflich Songtexte.

Berufsbild Schlagertexter: Leben von Sehnsucht und Trost

Die Entstehung eines Songtextes verläuft jedes Mal anders. Im Regelfall kommt ein Komponist oder ein Management auf Tobias zu und ersucht die Zusammenarbeit. Dann entsteht Mal zuerst die Melodie, Mal der Text und manchmal beginnt alles mit nur einer Zeile. Es kommt durchaus vor, dass die Künstler Einfluss auf die Texte nehmen – so habe beispielsweise Helene Fischer auf ihrem jüngsten Album „Farbenspiel“ die Lovesongs aufgrund eines Liebeslieder-Overkills reduzieren lassen. „Das war eine extrem kluge Entscheidung, da es das Künstlerbild ein wenig entkitscht hat und neue Themen ermöglichte. Das Album sollte jünger sein, energetischer und mehr nach vorne gehen. Treffer!“, findet Tobias, der selbst wieder vier Texte zu diesem Album beisteuerte. Das Themenspektrum ist im Schlager naturgemäß begrenzt. „Sehnsucht und Trost sind in meiner Arbeitsphilosophie die zentralen Begriffe“, sagt Tobias. Themen, die ihm auch stark in seiner Magisterarbeit begegneten, die sich mit Rainer Maria Rilke und seinen „Briefen an einen jungen Dichter“ beschäftigte. Tobias ist keiner, der Ballermann-Hits dichtet. „Ich glaube, die funktionieren anders. Es gibt Ideen, die finde ich total fantastisch – aber ich habe keine Ahnung, in welchen Hirnen solche Ideen entstehen. Wie kommt man auf Dicke Titten, Kartoffelsalat?!“

In Tobias’ Alltag ist das Songtexten an sich nur ein Bruchteil seiner Arbeit. Ein bis zwei Stunden am Tag verbringt er mit dem Dichten, ansonsten kümmert er sich um Organisation, Akquise und Kommunikation. Nebenbei spielt er noch beim Improvisationstheater Phönixallee hier in Düsseldorf mit (www.phoenixallee.de). Überhaupt ist er der Stadt sehr verbunden, die Menschen im Rheinland seien für ihn „eine Mischung aus mediterran und amerikanisch“, im charmanten Sinne. „Da kann mir jemand erzählen, was er will – wenn man einmal woanders gelebt hat, weiß man: Diese Gegend hier ist voll von unglaublicher Herzlichkeit.“ Kein schlechter Ort also, um unterhaltsame Songtexte voller Sehnsucht und Trost zu schreiben. Rund 500 Songs mit Texten von Tobias sind heute veröffentlicht. Über seinem Schreibtisch hängen Auszeichnungen – er gewann vier Mal Gold und zwei Mal Platin. Je nachdem, wie erfolgreich ein Lied wird, variiert sein Verdienst zwischen ein paar Cents und tausenden von Euro. „Fehlerfrei lief gut an – und dann kam Atemlos und machte alles platt“, lacht Tobias. „Fehlerfrei ist kein Atemlos und auch kein Auf Uns oder An Tagen Wie Diesen. Diese Songs werden noch jahrelang ihre Nachwirkungen haben. Die lohnen sich richtig.“ So einen Mega-Hit hat Tobias noch nicht zu verzeichnen – doch was nicht ist, kann ja noch werden. Für die Zukunft kann er sich auch vorstellen, mal ein Musical zu schreiben, oder auch ein weiteres Buch – das erste, „Handbuch für Songtexter“, erschien 2011. „Ich bin auf jeden Fall weit entfernt von satt.“ Nur eine eigene Gesangskarriere wird er wohl nicht noch einmal anstreben: „Da wurde mir schnell klar, dass das überhaupt nichts für mich ist. Ich wollte bloß, dass es ganz schnell wieder aufhört. Schreiben ist wohl das Einzige, was ich wirklich machen kann und sollte.“ Tja, wer ist schon fehlerfrei?! *Tusch*