Vom Sofa zur Extremsportveranstaltung – meine Teilnahme am Mammutmarsch 2016

Von Mareike Lummer

Erst ein lautes Lachen und dann ein verunsicherter Blick: „Warum?!“ An solche oder ähnliche Reaktionen bezüglich unseres Vorhabens haben wir uns schon gewöhnt. Die Antwort darauf wissen wir irgendwie selbst nicht so genau. Ehrlich gesagt war das Ganze meine Idee. 100 Kilometer in 24 Stunden – zu Fuß. „Leute, habt ihr Bock?“ Wir haben uns letztendlich wirklich nicht sehr viel dabei gedacht. Aus meinem Freundeskreis sind genau sechs Leute bereit, sich dieser Herausforderung, gemeinsam mit mir, zu stellen. Uns ist von Anfang an klar, dass wir es niemals schaffen, 100 Kilometer zu wandern. Viel mehr wollen wir das Event nutzen, um einmal über uns hinauszuwachsen und an unsere körperlichen Grenzen zu kommen. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Sport nicht unbedingt zu meiner Lieblings-Freizeitbeschäftigung gehört und ich auch sonst relativ faul bin.

Seit ich vor 22 Jahren laufen gelernt habe, lebe ich frei nach dem Motto: „ Warum denn laufen, wenn es Aufzüge, Rolltreppen, Taxis, Busse und Bahnen gibt?“ Trotzdem dachte ich mir: Nachts mit Freunden durch die brandenburgische Einöde wandern? Hey, na das klingt doch lustig!  Als wir um 16 Uhr am Startgelände des sogenannten „Mammutmarsches“ ankommen, lachen alle noch.  Die Teilnehmer starten grüppchenweise, wir sind die Letzten. Um 18 Uhr laufen wir los. Schon nach 10 Kilometern  habe ich kein Bock mehr. Ich bin mir zwar nicht sicher, glaube aber, dass es meinen Freunden ähnlich geht. Aber wer gibt das schon zu. Also marschieren wir in recht zügigem Tempo weiter.  Mit jedem Schritt mehr frage ich mich ernsthaft, warum ich mir das eigentlich antue. Meine Eltern finden die Aktion natürlich ganz toll: „Ach, Ihr Kind fährt nach Bulgarien in den Saufurlaub? Also unsere Tochter wandert ja lieber durch die Märkische Schweiz.“

Nach 13 Kilometern habe ich dann einen neuen Freund. Er befindet sich an meiner rechten Fußsohle und tut höllisch weh. Na toll, ich hatte im Vorfeld auf das angebliche Wundermittel „Hirschtalg“ gebaut, nachdem die Kunden bei Amazon nur so von „absolut blasenfreien Jakobsweg-Touren“ schwärmten. Die restliche Zeit bis zum 16km-Streckenposten versuche ich mich vom Schmerz abzulenken und denke darüber nach, was ich zuerst essen soll. Im Vorfeld haben wir alle viele Tipps bekommen, was die „richtige“ Ernährung angeht. Eine kleine Zusammenfassung aller gut gemeinten Ratschläge lässt sich mit folgendem Wort beschreiben: Vollkorn. Von Vollkornbrot bis Vollkornnudeln, egal – Hauptsache Vollkorn. Wir haben dann beschlossen, auf Vollkorn zu verzichten. Schmeckt uns halt nicht so. Stattdessen haben wir uns normale Brötchen besorgt, jeweils eine Scheibe Wurst mit Ketchup draufgeklatscht und dazu noch  `ne Banane, Miniwürstchen, Studentenfutter und haufenweise (Schokoladen-)Müsliriegel. Am ersten Streckenposten angekommen, wurden erst einmal die Füße eingecremt. Hirschtalg, du kriegst eine zweite Chance! Da es vor Ort neben dem üblichen Wasser und Obst natürlich auch weitere Müsliriegel gab, hab ich direkt noch ein paar eingesteckt. Mit 10 Riegeln im Gepäck, hab ich mich einfach besser gefühlt.

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Es wird langsam dunkel als wir den Posten verlassen. Bis zum nächsten sind es mehr als 20 Kilometer. Zum Glück haben wir 4 (-1) Stirnlampen. Minus eine weil meine so schwach geleuchtet hat, dass ich theoretisch auch ohne hätte loslaufen können. Nach einer Stunde war dann die Batterie leer. Toll. Ich habe deshalb kurzzeitig innerlich einen kleinen cholerischen Anfall, aber zwei von den Schokoriegeln bringen es schnell in Ordnung. Ich wette, ein Vollkornbrot hätte das nicht hinbekommen. Mittlerweile tut mein linker Oberschenkel muskelkaterartig weh. Die Füße schmerzen auch ein bisschen, aber es ist eher ein relativ gut aushaltbarer Belastungsschmerz.

Während wir durch die Nacht wandern, werde ich immer wieder durch Geräusche am Wegesrand aufgeschreckt und ich merke: Mein Serienmarathon von „The Walking Dead“  letzte Woche war vielleicht nur eine semi-gute Idee. Als dann auch noch ein relativ großes Tier direkt vor uns den Weg kreuzt, ist es vorbei mit meiner Coolness. Die nächsten 4 Kilometer kralle ich mich an einen Kumpel. Der Arme ist dadurch genötigt, auf der Seite des Weges zu laufen, die schräg nach unten abfällt. Das ist bestimmt nicht gut für die Füße (Sorry)!  Mit der Zeit werden wir alle langsam müde. Um 1 Uhr nachts, wir befinden uns gerade auf einem 40cm breiten Trampelpfad, beschließen wir etwas gegen die Müdigkeit zu tun und fangen an zu singen. Ich gehöre übrigens zu den Menschen, die es absolut nicht können, aber trotzdem immer am lautesten singen. Hiermit entschuldige ich mich bei meinen tapferen Mitwanderern! Und so werden die armen Tiere des Waldes in dieser Nacht mit Songs wie „An der Nordseeküste“ in den Schlaf gewiegt. Und zwar, ganz professionell, im Kanon.

Bei 30 Kilometern wollen wir eine längere Pause von 20 Minuten einlegen. Nach gut 10 Minuten, komatösem Rumliegen im klammen Gras entscheiden wir uns aber doch, schnell weiterzugehen. Es ist bei 6 Grad einfach zu kalt. Mittlerweile haben wir gelernt, dass die Fuß- und Beinschmerzen besonders schlimm sind, wenn man nach einer Pause wieder aufsteht.  Unsere kleine Wanderkarawane ähnelt somit in den ersten paar hundert Metern eher einer Gruppe neugeborener Kälber. Zum Glück ist es dunkel.

Nach circa 3 Kilometern möchte ein Gruppenmitglied aufgeben und zur nächsten S-Bahn Station laufen. Dann wird bemerkt, dass das Handy weg ist. Wir sind somit zu einer weiteren Pause gezwungen, in der wir ein Taxi rufen und (vergeblich) auf eines warten. Die Antworten der Taxiunternehmen folgend in chronologischer Reihenfolge:

TAXI 1:

„Ok, kommt in fünf Minuten!“

*15 Minuten später*

„Kommt erst in 11 Minuten“

*20 Minuten später*

*Kommt doch nicht*

TAXI 2:

„Könn se ma eben die PLZ sagen?“  -„Keine Ahnung, können Sie nicht googlen?“   -„Nee.“

TAXI 3:

„Die Straße gibs bee Joogle Maps nüsch“ –„Äh Doch? Wir stehen direkt vor dem Straßenschild?“

 

Nach einer Stunde Warten, blauen Lippen, verhärteten Muskeln und einer allgemeinen Laune im unteren Kellerbereich, wird das Gruppenmitglied letztendlich doch in Richtung S-Bahn verabschiedet und wir marschieren weiter. Man muss wirklich sagen, dass die Motivation zu diesem Zeitpunkt kaum noch da ist. Wir laufen einfach wortlos nebeneinander her, jeder für sich in Gedanken. Mittlerweile ist es 02:30 Uhr und wir stehen vor einer Entscheidung: Eine Ausstiegsmöglichkeit steht kurz bevor. Eine S-Bahnstation. Die nächste Möglichkeit ist erst 11 Kilometer weiter.

Einige Sekunden wägen wir ab,  dann ist es entschieden. An diesem Punkt haben wir erreicht, was wir uns im Vorfeld vorgenommen haben. Wir sind über uns hinausgewachsen und haben uns gegen unsere Körper entschieden. Unsere Beine sind schwer, alles tut weh und man befindet sich mental in einer Art Trance, da man um diese Zeit ja normalerweise schläft und nicht mit Rucksäcken durch die Nacht marschiert. Dennoch laufen wir weiter, weg von der Haltestelle und hinein in den nächsten Wald. Diese 11 Kilometer werden wir schon noch schaffen. Dann wären wir bei knapp 45 Kilometern, was nur noch etwa 5 Kilometer von unserem Ziel, 50, entfernt ist.

Damit ihr zur Uni nicht laufen müsst, gibts hier den Fahrplan vom nicht mehr ganz so neuen Netz.

Nach einiger Zeit geht es aus dem Wald auf das freie Feld. Es ist nicht nur kalt, sondern auch ziemlich windig. Ich ernähre mich die gesamte Zeit eigentlich nur von den Müsliriegeln. Auch wenn es vielleicht nicht das gesündeste sein mag, die Schokostückchen tun gut und man bekommt einfach um diese Uhrzeit und bei solch einer Anstrengung nur Dinge herunter, die einem wirklich schmecken. Gegen 3 Uhr hören wir eine laute Sirene, wie man sie von einem Großalarm kennt. Der Ton ertönt 3 Mal. Da wir einen ABC-Alarm jetzt wirklich nicht gebrauchen können, wird es wohl etwas anderes sein.

Schweigend gehen wir weiter. Es ist so windig, dass wir Mützen und Kapuzen aufhaben und auf sandigen Feldwegen nur mühsam vorankommen. Wir sind nun circa. 4-5 Kilometer vor dem Streckenposten und wir können die eine nächste Haltestelle auf der Karte erkennen. Der vorgegebene Weg führt uns allerdings kurz vorher in eine andere Richtung, so dass man an der Station nicht vorbeiläuft.

Dann geht plötzlich alles sehr schnell. Ein Gruppenmitglied muss sich übergeben, der Körper streikt. Für uns ist somit klar, dass der Marsch für uns vorbei ist. Auch wenn wir es vielleicht geschafft hätten, man muss auf seinen Körper hören. Wir verlassen die Route und laufen weitere 2-3 km in Richtung S-Bahn. Auf dem Nachhauseweg merkt man, wie der Körper auf das Ende des Marsches reagiert. Plötzlich sind die Muskeln steinhart und die Schmerzen sind schlimmer als vorher. Man kann eigentlich nur noch humpeln.

Wir erfahren später dass der Mammutmarsch abgebrochen werden musste, da viele Leute aufgrund von Unterkühlungen und Kreislaufbeschwerden notärztlich versorgt werden mussten. Schließlich wurde dann wohl ein Notfallalarm ausgelöst, den wir vermutlich während des Wanderns gehört haben. Insgesamt sind bin ich ungefähr 42 Kilometer gelaufen, untrainiert und relativ unsportlich. Im Nachhinein würde ich es nicht noch einmal machen, da der Fokus darauf lag, die Strecke auf Zeit zu schaffen und nicht die wirklich schöne Natur dort zu genießen. Abschließend kann ich aber sagen, dass es eine tolle Erfahrung war. Denn wenn es heißt Kopf gegen Körper, muss man wirklich alles geben.

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