Wem gehört die Stadt?

Ein Stadtrundgang mit einem fiftyfifty-Straßenverkäufer

VON SARAH ABBASI

Wem gehört die Stadt? – diese Frage beschäftigte auch den Künstler Klaus Klinger, der im Jahr 2010 die Unterführung Ecke Eller Straße / Mintropplatz mit seiner Kunst verschönerte. Seine gesellschaftskritische Malerei, die häufig Tiergestalten darstellt, die unter anderem Schriftzüge mit „FREIRÄUME FÜR BEWEGUNG“ beinhalten, regen beim Durchgang zum Nachdenken an. Die Antwort Klingers auf die Frage „Wem gehört die Stadt?“ ist eindeutig – UNS. Doch wer ist uns und wen schließt es ein oder vielleicht sogar aus?

Das Straßenmagazin fiftyfifty bietet Menschen ohne festen Wohnsitz eine Alternative zum Betteln. Das Prinzip ist simpel: Die Straßenverkäufer*innen kaufen Zeitungen zum Preis von 95 Cent direkt im Büro von fiftyfifty Streetwork und verkaufen sie zum Preis von 1,90 Euro auf der Straße. Sie treten dabei in Vorkasse, sind schließlich aber in ihrer Arbeitszeit und ihrem Arbeitsort unabhängig und nicht an Vorgaben gebunden. Fiftyfifty hat eine Auflage von 30.000 Exemplaren, die je nach Jahreszeit variiert. So kann sich die Auflage um Weihnachten, die Zeit der Spenden und Großzügigkeit, durchaus auf das Doppelte erhöhen.

Wohnungslose, die in Not geraten, erhalten bei fiftyfifty Hilfe in juristischen Angelegenheiten, Sozialberatung oder Hilfe bei Anträgen. Zusätzlich kann man einen Ausweis beantragen, der dazu berechtigt, Zeitungen auf der Straße zu verkaufen. Einige der Wohnungslosen bieten zudem Stadtführungen an, die ihre Sicht auf die Stadt Düsseldorf vorstellen. Eine Führung, die nicht wie üblich auf die typischen Attraktionen abzielt, sondern vielmehr individuelle Schicksale erzählt. Einer dieser Stadtführer ist Patrick. Für zwei Stunden hat er uns einen Einblick in sein früheres Leben gewährt.

Patrick ist etwas nervös als wir eintreffen. Normalerweise werden Stadtführungen immer von zwei Personen durchgeführt, dieses Mal ist er allein. Zur anfänglichen Unterstützung begleitet uns der Sozialarbeiter deabbasi1s fiftyfifty-Büros, Johannes Dörrenbächer, ein Stück. Los geht’s im Büro mit einer kleinen Einführung, die zum regen Austausch auf den Fußwegen anregt. Unser erster Halt ist eine ehemalige Polizeistation, die heute als Unterkunft für Menschen ohne festen Wohnsitz dient. Hier gibt es die Möglichkeit für längere Zeit in einem Zimmer zu leben, was die Unterkunft von den häufig besser bekannten Notschlafstellen unterscheidet. In einer Notschlafstelle herrschen außerdem strikte Regeln, wie das Alkoholverbot. Zudem muss jeder, der dort Unterschlupf sucht, aus organisatorischen Gründen bis spätestens 20:00 Uhr eintreffen und bis zum nächsten Morgen dortbleiben. Wer vorher geht, verspielt seine Möglichkeit auf einen Schlafplatz und erhält keinen Einlass mehr. Wer bleibt, hat dafür aber den Vorteil, dass er am nächsten Abend wieder das gleiche Bett erhält. Im Winter gelten diese Regeln natürlich nur bedingt, da auch Menschen, die die Frist verpassen, noch aufgenommen werden müssen. Patrick, der früh mit Drogen in Berührung gekommen ist und ein knappes Jahr auf Düsseldorfer Straßen verbracht hat, hat diese Schlafplätze nur in Notzeiten aufgesucht. Auch wenn er obdachlos ist, erklärt er, möchte er nicht von anderen diktiert bekommen, wann er ins Bett zu gehen hat und wie er sich verhalten soll. So wie ihm geht es vielen. Häufig kommen Vorurteile wie „Die sollen froh sein, dass sie ein Bett haben.“ auf, doch wieso müssen sich diese Menschen mit Dingen zufriedengeben, die für jeden von uns inakzeptabel wären?

Direkt am Hauptbahnhof befindet sich eine der wichtigsten Stationen für Patrick – sein Arzt. Jeden Morgen muss er dorthin, um sich seine „Ersatzdroge“ abzuholen, die ihn davon abhält, wieder in den alten Trott zurück zu verfallen. Auch das Pfandhaus daneben ist im Leben eines Wohnungslosen eine wichtige Adresse. Alles was man besitzt bzw. gestohlen hat, wird hier gegen Geld eingetauscht, um die Drogensucht zu finanzieren. Die eindeutig bessere Möglichkeit, um an Geld zu gelangen, ist das Verkaufen des Straßenmagazins. Doch auch dabei berichtet Patrick von einem harten Konkurrenzkampf um die besten Verkaufsplätze und genaue Zeitabsprachen, die nicht immer von allen gleichermaßen eingehalten werden.

Die meisten Obdachlosen sind auf Einrichtungen angewiesen, die für wenig Geld eine warme Mahlzeit anbietabbasi2en oder auch einen Ort, an dem sie ihre Wäsche waschen können, wie ein kleines Café am Mintropplatz. Eine weitere Anlaufstelle ist das Shelter in der Altstadt, eine Tagesstätte für wohnungslose Menschen, die mit einer Abendküche, Sanitäranlagen und einem Internetzugang aushilft. Ein wichtiger Punkt in Patricks Leben bildet auch die Charlottenstraße, die er selbst als „sündige Meile“ bezeichnet. Seine Aufgabe war es, die Kennzeichen der Freier aufzuschreiben, zu denen einige der Frauen ins Auto gestiegen sind. In der Drogenberatungsstelle komm-pass, die ebenfalls in der Charlottenstraße ansässig ist, holt er regelmäßig neue Spritzen sowie Kondome zum Schutz der Frauen ab. Wir verweilen nicht lange an dieser Stelle, da diese Straße für Patrick mit zu vielen schlechten Erinnerungen verbunden ist. Ganz anders verhält es sich mit der Johanneskirche, die er sehr gerne aufsucht. Hier gibt es öffentliche Toiletten sowie preisgünstige Speisen im Kirchencafé, die für jeden erschwinglich sind. Zudem enthält die Kirche eine kleine Bibliothek, die zum Lesen und Austauschen anregt.

In der Altstadt endet unsere Führung durch ein anderes Düsseldorf mit einem Applaus für unseren Stadtführer, der mit Hilfe von fiftyfifty den Absprung in ein neues Leben geschafft hat, das einen festen Wohnsitz sowie ein geregeltes Einkommen umfasst. Patrick hat unsere Sicht auf wohnungslose Menschen geschärft und uns klargemacht, dass Wohnungslosigkeit jeden treffen kann. Menschen, die das Schicksal von Patrick teilen, gehören genauso zur Gesellschaft und dürfen nicht unterdrückt und ausgeblendet werden. Damit ist keinem geholfen. Vielmehr sollten Einrichtungen wie fiftyfifty-Streetwork unterstützt werden, damit auch der / dem Letzten klar wird, dass Patrick kein Einzelfall ist und auch nicht bleiben wird. Die Liste der Ursachen für Wohnungslosigkeit ist lang und reicht von Drogenabhängigkeit über persönliche Probleme bis hin zu Krankheit.  Der ein oder die Andere wird nun öfter mal zwei Euro für eine Zeitung bezahlen und sich hinterher freuen, dass er einem Menschen in Not geholfen hat. Wer sich gerne selbst ein Bild von einer Führung machen möchte, der kann sich unter www.strassenleben.org für einen Termin anmelden und eigene Erfahrungen sammeln.

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